17.09.2009, 19:10
Innovation – ein Mythos
Und so sprach Er: „So gebt meinen treuen Anhängern dieses Gerät, lasst sie Freude dran haben und die Langeweile vertreiben.“
Eins vorweg: In dieser Rede handelt es sich nicht um die Erschaffung der Frau (man(n) hat ja auch keine Freude am weiblichen Wesen), sondern von der Herstellung und vom Vertrieb von Videospielen.
Zur Zeit der ersten Atari-Konsole war das Konzept Videospiel völlig neuartig und daher also eine atemberaubende Innovation. 8-Bit-Spiele verursachten damals keinen grauen Star, sondern hellleuchtende Sterne in den Augen der Spieler. Doch wie wir heute sehen, muss Altbewährtes nicht zwingend gut sein. Das Problem, das heutzutage in der Videospielbranche herrscht, ist der Ideenmangel sowie leider auch der Kapitalismus.
Allein bei Nintendo-Produkten sieht man, dass vor allem Dritthersteller auf die alten Spielprogrammierweisen schwören – eher auf diesen festsitzen – anstatt neuartige Konzepte zu kreieren. Die neuen Möglichkeiten der Nintendo Wii und des Nintendo DS werden von jenen kaum oder nur schwachsinnig genutzt. Es liegt wohl weniger am Nichtkönnen als am Nichtwollen. Die sog. Publisher, also die Unternehmen, die den Vertrieb für Entwicklerstudios übernehmen, üben generell sehr viel Druck auf die Entwickler aus. Schwarze Zahlen stellen das Optimum dar, Innovationen, sei es in der Einführung neuer Spielformen, anderer Steuerungsmöglichkeiten der Spielfigur oder das Austüfteln komplexer Handlungen, bleiben zumeist auf der Strecke, wobei man fairerweise auch hinzufügen muss, dass das Konzept der Wii an sich auch nicht völlig neu ist.
Nur wenige Firmen gewähren ihren kreativen Köpfen die Zeit, die sie wirklich benötigen. Hauptsächlich PC-Spieler kennen die Folgen: halbfertige Spiele. So wird aus einer Stück Software, auf die sich monatelang eine bereits im Vorfeld gruppierte Anhängerbasis freut, wahrlich ein von Bugs zerfressenes Programm, das nur noch Frust garantiert. Der Patch, der am Erscheinungstermin folgt, damit das Spiel überhaupt läuft, der sog. Release-Patch, gehört mittlerweile zum guten Ton. Was vor wenigen Jahren nur stark vereinzelt auftrat, kann man heute als Massenphänomen beobachten und eigentlich nur den Kopf darüber schütteln. Nun, eher weinen.
Wird sich das jemals ändern? Wohl kaum. Die Geldgier und der Börsengang der Szeneunternehmen hat seinen Höhepunkt erreicht: das Genre Massively Multiplayer Online Role-Playing Game, kurz MMORPG oder MMO, ist nun endlich dank des Genrespitzenreiters World of Warcraft ein erfolgversprechendes und sehr ertragreiches Geschäft. Vor dem „WoW-Zeitalter“ waren mehr oder weniger bekannte Vertreter dieser Videospielsorte Ultima Online und Dark Age of Camelot, aber erst seit dem bahnbrechenden Erfolg Blizzards mit ihrem MMO-Erstling sah man deutlich, wie monoton programmierte Spiele die Massen tatsächlich im großen Stil begeistern.
Gemeint ist das Spielprinzip eines MMORPGs, das sich zu Anfang durch nichts anderes als ständige Erfüllen des ein- und desselben Auftragsprinzips (in der Internetsprache wird das englische Pendant „quests“ verwendet) für den Stufenaufstieg bis zur Maximalstufe auszeichnet, wobei es doch dann erst so richtig losgeht mit der Monotonie: Ständige Dungeon-Besuche, virtuelles Töten von wichtigen Nichtspielercharakteren (NSC, gebräuchlicher ist allerdings das Wort mob) für Ruf und das gegenseitige Geholze unter Spielern (das nennt sich PvP -> Player versus Player -> Spieler gegen Spieler), um irgendwelche Gegenstände zu erhalten. Man könnte da noch viel weiter ausschmücken und natürlich liegt bei diesem Spiel der Fokus anders als bei anderen, jedoch kristallisiert sich schnell heraus, wie „unvorstellbar abwechslungsreich“ diese Spiele sind. Natürlich meinen bestimmt nun viele, man solle sich von diesem Denken nicht beeinflussen lassen und doch einfach Spaß am Spiel haben. Was theoretisch ja eigentlich der Sinn eines jeden Spieles ist (Videospiele sind Teil der Freizeitbeschäftigung, falls das manch Extremspieler vergessen haben sollte), wird praktisch bereits von den Spielergemeinschaften selbst erfolgreich im Keim erstickt. Längst hat das Konkurrenzdenken die Spieler der MMOs erfasst und bewirkt damit, dass sich diese gegenseitig unter Druck setzen. Die Unternehmen leisten dem folge und liefern fleißig Inhalt nach – Gelegenheitsspieler haben dort im eigentlichen Sinne nichts verloren. Allein die Tatsache, dass dann auch noch Menschen wegen zu vielen Spielens dieser Monotonie sterben, ist so lachhaft, dass man heulen könnte. Der Menschen Dummheit kennt eben keinerlei Grenzen.
Ich persönlich sehe rabenschwarz für die Zukunft der Videospielbranche: Die MMOs erfahren eine nie zuvor erlebte Blüte, weswegen sich wohl der Fokus der Programmierer auch darauf richten wird. Ich glaube nicht mehr so recht an den Mythos Innovation und bin mir sicher, dass sich die Lage noch deutlich verschlechtern wird. Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs der Monotonie, der Ideenlosigkeit sowie des Kapitalismus im Videospielsektor und der Anspruchslosigkeit der Spieler. Es stimmt mich fast traurig, dass nur wenige in der Lage sind, das zu erkennen und der Rest sich weiterhin seiner täglichen Portion Eintönigkeit zuwendet.
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