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Normale Version: Tod und Verzweiflung
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Ich habe mich diesmal an eine Kurzgeschichte herangewagt. Ich weiß nicht, ob mir das Schreiben solcher Texte liegt, also seht das ruhig als Experiment an -- eure Meinung will ich natürlich trotzdem erfahren. Viel Spaß beim Lesen!




Tod und Verzweiflung


Die laue Meeresbrise strich an mir vorbei, umschmeichelte mein Gesicht, gab mir wohlige Schauer. Ich stand am Strand, blickte über das Meer hinaus in den Horizont, sah die untergehende Sonne und fühlte mich glücklich wie schon seit langem nicht mehr. Eine innere Ruhe, wie ich sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr verspürt hatte, nahm mich ein, ließ mich meine Sorgen, Ängste und Verpflichtungen zumindest für diesen einen Augenblick vergessen. Genau hier und jetzt wirkte die Welt wie ein weit entferntes Irrenhaus auf mich, ein Tollhaus, zu dem ich keinen Bezug hatte und nie haben würde. Ich musste lächeln: Es war wirklich eine gute Idee von ihr gewesen, hierher zu kommen, auch wenn ich mich zuerst dagegen ausgesprochen hatte.

Meine Tochter wollte nur das Meer sehen, weil sie davon so viel gehört und gelesen hatte, und sie war voller Euphorie gewesen, hatte einen Glanz der Glückseligkeit in ihren Augen gehabt, wenn sie von Wellen, Stränden und Muscheln gesprochen hatte. Eigentlich hatte ich zurzeit an einem wichtigen Projekt zu arbeiten und konnte mir Verzögerungen nicht leisten, doch als ich gesehen hatte, wie sie das erste Mal seit dem Tod ihrer Mutter wieder lachte, war es mir unmöglich gewesen, ihr diesen Wunsch auszuschlagen. Sie war zwar noch ein Kleinkind gewesen, als sie ihre Mutter tot in der Badewanne liegen gesehen hatte, doch ihre verzweifelten Schreie hatten mich bis ins Mark erschüttert, als ich kurz darauf das Haus betreten hatte. Obwohl ihr das Konzept des Sterbens noch unbekannt gewesen war, hatte sie gewusst, was geschehen war. Für mich war der Selbstmord meiner Freundin genauso unfassbar wie für meine Tochter gewesen und ich hatte fast einen ganzen Monat gebraucht, um überhaupt wieder einen Schritt aus dem Haus zu setzen. In der Zeit hatte ich nicht nur etliche Tränen vergossen und mir zahlreiche Vorwürfe gemacht, sondern auch immer und immer wieder ihren Abschiedsbrief gelesen, den ich beim ersten Mal nicht verstanden hatte, beim zweiten Mal nicht verstehen konnte und beim dritten Mal nicht verstehen wollte. Sie schien nie die gewesen zu sein, für die ich sie bis zu ihrem Tode hielt: Sie war, zumindest hatte sie das so geschrieben, nie richtig glücklich gewesen, zumindest nicht von Dauer, hatte in ihrem Inneren Depressionen gehegt und verborgen, hatte sich gefangen gefühlt in ihrer eigenen Haut, unfähig, sich loszureißen, ihre Liebsten in ihre Seelenweit einzuweihen, verdammt, eine einsame Seele für immer und ewig zu bleiben. Ich sei zum ersten Mal ein Lichtblick in ihrem Leben gewesen zu sein, und jahrelang hatte sie sich tatsächlich so gefühlt, als hätte sie innere Einsamkeit, ja, Zerrissenheit überwunden, als hätte sie sich fallen lassen und einem Menschen wirklich vertrauen können. Ich erinnerte mich, viel mit ihr über ihr Seelenleben gesprochen zu haben, und dachte eigentlich, sie hätte ihren inneren Konflikt überwunden. Als ich ihren Brief las, wurde mir nur allzu bitter bewusst, wie sehr ich mich getäuscht hatte … ein paar Jahre nach der Geburt unseres Kindes hatte sie wohl wieder angefangen, wieder an sich zu zweifeln, das Leben zu hinterfragen, den Sinn ihrer Existenz nicht zu erkennen, doch diesmal hatte sie nicht mehr mit mir darüber gesprochen. Sie hatte immer noch so getan, als wäre sie glücklich gewesen, und wegen meiner Dummheit hatte ich es nicht vermocht, durch ihre Fassade zu blicken. Ich hasste mich dafür, den Menschen, der mir das Teuerste auf Erden gewesen war, nicht verstanden zu haben. Ich war unfähig gewesen, ihr Halt zu geben, hatte in dem Glauben gelebt, alles wäre in bester Ordnung. Doch sie hatte gewusst, dass ich ihren Tod auf mich zurückführen würde, und schrieb entschuldigend, ich solle mir keine Vorwürfe machen. Sie hatte das Familienleben nicht stören wollen, nicht auch noch unsere Tochter und mich in den Abgrund zerren wollen, und lieber alleine innerlich zu resignieren und schließlich zu sterben. Auch nach ihrem Tod vergingen die Jahre, doch nicht nur ich spürte, wie die Zeit nicht alle Wunden heilen konnte oder zumindest nicht vollständig zu schließen vermochte. Die Seele meiner Tochter war sicherlich genauso vernarbt wie meine, kein einheitliches Gebilde mehr, sondern eine mit Kratern übersätes und völlig verwüstete Landschaft, denn sie versuchte nicht einmal, ihren Gram zu verbergen, sich zu verstellen. Wir vereinsamten beide, unfähig, unsere Trauer zu überwinden, und hatten letzten Endes, als sich alle von uns abwandten und ihre Hilfsangebote zurücknahmen, nur noch uns selbst. So kam es auch, dass ich mich der Arbeit erst hinwendete, mich in ihr verlor, aber zusehends mich immer stärker um meine Tochter kümmerte. Sie war die Einzige, die ich noch hatte, und ich der Einzige, den sie noch hatte; wir klammerten uns aneinander, um nicht auch den Lebenswillen zu verlieren, stützen uns gegenseitig durch das Leben. Sie also nach all dieser Zeit wieder lachen zu sehen war mehr als nur ein Segen, und obwohl das Arbeitsprojekt sehr wichtig war, gab es nichts und niemanden, der mich dazu hätte bringen können, sie tatsächlich zu enttäuschen. Wir suchten uns ein hübsches, entlegenes Stückchen aus und mieteten uns für eine Woche ein …

„Du, Papa, was ist denn los? Warum guckst du denn so traurig?“ Mein Kind stand neben mir und zerrte an meinem Hemd. Anscheinend stand sie schon mehre Minuten so da, zumindest entnahm ich das ihrem besorgten Gesichtsausdruck. „Nichts, Kleines, mach dir keine Gedanken …“, entgegnete ich ihr und nahm sie auf die Schultern. „Lass uns eine Weile am Strand entlang spazieren gehen, ja? Es ist gerade wirklich schön hier.“ Nach diesen Worten ging ich näher ans Meer und fing an, langsam entlang den trägen Wellen zu gehen. Ich atmete die salzige Luft ein, vernahm das sanfte Rauschen des Meeres und das leise Knirschen des Sandes unter meinen Füßen. Sofort entspannte ich mich wieder und ich bemerkte das Gleiche bei meiner Tochter. Es war so, als wäre dieser Ort magisch, als hätte er nur auf uns gewartet, uns mit seiner harmonischen Musik in die Arme zu schließen, in Gewogenheit zu wiegen, in Geborgenheit wissen zu lassen.

Ich ging minutenlang so, nichts denkend, am Strand entlang, als meine Tochter unruhig wurde. „Siehst du die Leute da draußen auf dem Meer, Papa? Was machen die da? Komm, lass uns hinschwimmen!“ Ich seufzte und wollte noch was entgegen, doch sie sprang schon von mir ab und lief ins Wasser. Ich zog kopfschüttelnd mein Hemd aus und musste grinsen. Sie war halt eine neugierige Natur, genauso wie ihr Vater und ihre Mutter. Ich folgte ihr, watete zuerst, schwamm dann und als ich sie einholte, waren wir schon fast bei der Menschengruppe. Von weitem sah diese wie eine Versammlung aus, doch von nahem wirkte das Ganze eher wie ein Gottesdienst auf mich. Ich spürte einen kalten Schauder meinen Rücken hinunterlaufen, wollte meine Tochter packen und wieder umkehren, doch in diesem Moment richtete sich der Blick der versammelten Menschen auf uns. Der Priester – oder wer auch immer der Vorsitzende war – räusperte sich, nahm zuerst mein Kind, dann mich in Augenschein und befahl in einer tiefen Stimme: „So sehet, meine Brüder, unser Opfer für Ihn ist endlich angekommen. Nehmet sie in Gewahrsam und lasset uns dann fortfahren!“ Ehe ich mich versah, erschienen mehrere kräftige Männerarme neben uns, packten meine Tochter und mich und zerrten uns die Mitte der Versammlung. Ich wehrte mich auf das Heftigste, aber ich kam nicht gegen die Stärke dieser Männer an, auch meine Tochter konnte sich dem festen Griff nicht entwinden. Die starren, ausdruckslosen Blicke der Umstehenden machten mir große Angst: Etwas Unausweichliches, Großes, Furchtbares stand bevor, und es gab keinen Weg daran vorbei. Mein Inneres krampfte sich zusammen, ich fühlte mich übel, spürte, wie sich mein Hals zusammenschnürte. „So beginnt die Zeremonie!“, dröhnte die nur allzu bekannte Stimme hinter uns. Ein weiteres Mitglied dieser Prozession erschien mit einem Dolch in der einen und einem kleinen Fläschchen in der anderen Hand und kam auf mich zu. Ich wusste nicht oder konnte nur leise ahnen, was dieser Mensch vorhatte, dennoch versuchte ich, mich mit aller Kraft von dem eisernen Griff unserer Peiniger loszureißen. Es gelang mir natürlich nicht, ich wurde weiterhin mit übermenschlicher Kraft festgehalten. Als der Mann mit den beiden Gegenständen schließlich vor mir Halte machte, rissen zwei Hände meinen Kopf nach hinten, zwangen meine Lippen auseinander und flößten mir den Inhalt des Fläschchens ein. Ich versuchte sofort, die bittere und übel schmeckende Flüssigkeit wieder herauszuwürgen, aber ich wurde davon abgehalten. Nach wenigen Sekunden veränderte sich meine Umwelt: Die Farben verloren ihren Glanz, alles erschien matt, das Rauschen des Meeres klang dumpf, als ob es durch Watte zu mir dringen müsste, und mein Körper fühlte sich taub an.

Gerade, als ich zu begreifen versuchte, wie mir geschah, dröhnte mächtig und sich über alles erhebend, meine Wahrnehmung völlig einnehmend, die Stimme des Priesters zu mir. „Töte das Kind, bringe Ihm unser Opfer da!“ Die Welt schien zu erzittern. Die Stimme sprach zu meiner Seele, erteilte einen Befehl, den ich unmöglich missachten konnte. Ich merkte, wie sich mein Körper von selbst bewegte, wie meine Hand die Waffe entgegennahm, wie ich langsam, aber stetig meiner Tochter entgegenkam, die mich mit großen, angsterfüllten Augen ansah, schrie, herumstrampelte, aber wehrlos war. Ich kämpfte dagegen an, versuchte, meinen Körper unter Kontrolle zu bringen, kam aber nicht gegen die Macht von außen an. Als ich bei ihr stand, den Dolch erhob und gerade zustechen wollte, flüsterte mein Kind seine letzten Worte: „Ich werde Mama von dir grüßen …“ Ich wollte innehalten, jetzt so wie nie zuvor, doch ich wurde Zeuge, wie ich mit Wucht die Klinge in ihre Brust stieß, ihr Blut an der Schneide entlang rinn und aus ihren Mundwinkeln tropfte, wie sie mit letzter Kraft den Kopf hob und mir in die Augen sah, wie sie damit ausdrücken wollte, ich könne nichts dafür … und ihn schließlich kraftlos absacken ließ und sich nicht mehr rührte. Jetzt endlich lösten sich die Fesseln, ich erlangte wieder die Beherrschung meines Körpers und stieß einen verzweifelten Schrei hervor, der in ein wuterfülltes Brüllen überging. Ich wollte diese Kreaturen bestrafen, eine nach dem anderen abstechen, dieses Abschaum von der Oberfläche dieses Planeten tilgen, doch noch bevor ich diesen Gedanken überhaupt klar fassen konnte, holte einer der Männer hinter mir aus und versetzte mir einen Schlag in den Nacken, so dass ich das Bewusstsein verlor.

Als ich wieder erwachte, lag ich am Strand, der Dolch neben mir, außer mir sonst keine Menschenseele. Die Nacht war fast vollständig hereingebrochen und das Meer klang so sanft wie vorher. Ich nahm die Waffe auf, dachte an das Geschehene und versuchte den ganzen Vorfall zu begreifen. Ich redete mir ein, das Ganze sei ein Traum gewesen und setzte an, zu unserer Ferienunterkunft zurückzugehen, als ich einen dunklen Fleck nicht weit von mir entfernt erhaschte. Ich ging darauf zu, bemerkte, dass es ein Mensch sein musste, bückte mich und drehte die Gestalt herum. Ich schrak sofort zurück, als ich sah, wer die Leiche war. Gleichzeitig bröckelte unter mir der Boden, ich fiel in einen Abgrund. Mir wurde das genommen, was mir in all den Jahren noch wichtig war, hatte jeglichen Lebenssinn verloren. Das Schlimmste war, dass es durch meine Hand geschah, ich mich unfähig sah, einzuschreiten. Wie schon die Mutter durch meine Unvermögen starb, so erwischte es die Tochter auch und ich erkannte, was der nächste Schritt für mich war. Ich legte die Klinge an und ging in die nun schwarzen Wogen hinaus …
Sehr schön, Exitus, respekt^^
Ich finde deine Kurzgeschichte sehr gelungen, von daher kannst du dich an diesem Punkt von meiner Seite schon bestätigt fühlen, dass dir diese Textart liegt^^
Irgendwie fällt es mir schwer, Feedbacks abzugeben, aber ich werd mich mal dran versuchen...
Du benutzt, zumindest aus meiner Sicht, sehr viele, ausschmückende Aufzählungen. Spezielle Beispiele nenn ich an diesem Punkt erstmal nicht,
weil sie wirklich überall im Text zu finden sind (allein schon die ersten 3 Sätze entsprechen dem)
Damit möchte ich gar nicht sagen, dass das schlecht ist, mir persönlich gefällt es sehr, denn dadurch kann man sich erstens besser in den "Ich-Erzähler"
und seine Situation hineinversetzen, zweitens passt es zu seinem Charakter, der mir sehr nachdenklich erscheint (zumindest seit dem Tod seiner Freundin).
Desweiteren bleiben natürlich viele Fragen offen, was bei einer Kurzgeschichte aber auch teils beabsichtigt ist.
Ich hoffe, dass das erstmal als Bewertung reicht Traurig

Als letztes hätte ich dann noch eine Frage^^
Wie lang hast du an der Geschichte gearbeitet ?

Edit : Wenn ich noch hinzufügen darf, so etwas innerhalb von 3 Stunden zu schaffen ist brilliant ^-^
Jetzt stell man sich nur einmal eine Geschichte vor, an der du 6 Stunden arbeitest... wie die wohl wäre o.o

Das wars dann erstmal von mir, ich hoffe auf weitere Textproduktionen von dir Ok
Danke für das Lob, MogryFan. Smile

Ich habe etwa drei Stunden daran geschrieben, angefangen habe ich gestern um 23:45 Uhr, aufgehört um 2:45 Uhr. Ich habe aber nebenher auch noch ein wenig gechattet, was das Ganze dann natürlich in die Länge gezogen hat.
Experiment mit Bravour gemeistert! Smile
Wirklich ein schöner Text, kann dem Mogry nur zustimmen, sehr bildhaft und anschaulich geschrieben. Auch wenn der Inhalt natürlich was trauriges ist, gefällt mir der Text ungemein gut, vor allem weil er sich sehr gut lesen lässt. Ehrlich gesagt, find ich diesen hier noch einen Tick besser als deine Glossen/Kommentare, also hoffe ich mal auf weitere Texte dieser Art.

Hut ab. Zwinker
Ein toller Text, er ist gut geschrieben und man kann es sich gut bildlich vorstellen, und obwohl es eine Kurzgeschichte ist kennt man sich gut aus
der schluss bleibt auch bis zu einem gewissen Grad offen, das ist toll Ok
Wahnsinns Kurzgeschichte O.o

Sie gefällt mir sogar ein kleines Stück besser als deine Glossen, da
die Story in der Ich-Form nicht so belehrend rüberkommt Lachen
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