Golden Sun Board

Normale Version: Abgrund
Du siehst gerade eine vereinfachte Darstellung unserer Inhalte. Normale Ansicht mit richtiger Formatierung.
Seiten: 1 2
Eins vorweg: Das soll irgendwann einmal ein Roman werden, aber ob ich das durchziehe, darf bezweifelt werden. Mal gucken, den roten Faden hab ich ja vor meinem geistigen Auge.

Vorliegendes Kapitel ist nur der Prolog und es wär mir lieb, wenn ihr mir sagt, wie er sprachlich auf euch wirkt und ob er überhaupt euer Interesse weckt. Ist beides nicht gegeben, brauch ich logischerweise auch nicht weitermachen.

---------------

Abgrund


Prolog

Er wusste, es war ein Fehler, was er getan hatte. Ein unverzeihlicher, nicht rückgängig zu machender Fehler …
Doch in diesem Augenblick sah er es klar vor sich; er sah, was er tun musste und tat es einfach. Erst nachdem sich der Schleier lichtete, als der rote Vorhang sich hob, erblickte er voller Unglauben Blut an seinen Händen, das Blut derjenigen, die er geglaubt hatte, zu lieben.

Nun saß er allein in diesem düsteren Haus, seine Gedankenwelt glich einem wild verworrenen Knäuel einander jagende Gedanken, die umherschwirrten, völlig ziellos, einfach entstanden und existierten, ohne dass er sie selbst verstand.

Er hatte sie bereits vergraben, in einem schattigen Eckchen seines Gartens, unter dem Kirschbaum, den sie so sehr gemocht hatte und unter dem sie sich zum ersten Mal geküsst hatten; er fand, es war genau der richtige Ort; der Ort, an dem ihre schicksalshafte Beziehung begonnen, sie viele Geheimnisse ausgetauscht, über das Leben philosophierten hatten und sie nun lag, zur letzten Ruhe gebettet.

Auch den Teppich, der gänzlich mit Blut bedeckt war, hatte er bereits entsorgt, indem er ihn einfach verbrannte. Die Nachbarn waren für eine Woche außer Haus und da sie so oder so in einem abgeschiedenen Winkel lebten, war es ebenfalls nicht umständlich gewesen, die Leiche in den Garten zu tragen, das Loch zu graben, sie hineinzuhieven und das Loch zuzuschütten.

Er fragte sich immer wieder, ob er so was Ähnliches wie Schuldgefühle, Trauer, Verzweiflung, Selbsthass oder wenigstens Unverständnis sich selbst gegenüber empfinden sollte. Seine Gedanken, die er selbst nicht verstand und die ihm merkwürdig fremd vorkamen, diktierten ihm, was er zu fühlen habe, was für eine Art Mensch er sei, wie er sich zu verhalten habe. Er beachtete sie nicht sonderlich, dachte eher daran, warum er diese Tat vollbracht hatte; er glaubte, ihre einstige Beziehung als harmonisch und völlig intakt bezeichnen zu können, er hatte also eigentlich gar keinen Grund gehabt, sie zu töten. Und doch … da war etwas gewesen. Der unterschwellige Verdacht, die Vermutung, sie könne ihn betrügen, ja hintergehen – ihn, der immer für sie da gewesen war!

Natürlich hatte er nie einen Beweis dafür gesehen, aber er ahnte einfach, dass da etwas war. Wenn sie schon lange neben ihm eingeschlafen war und sich an ihn geschmiegt hatte, war er noch lange wach gelegen und hatte überlegt, wie ihre heimliche Liebschaft denn aussehen könnte. Vielleicht war es nicht mal ein Mann gewesen, sondern eine Frau, auch wenn sie, als sie von vergangenen Gefährten erzählt, nie eine Frau erwähnt hatte. In den letzten Wochen ist es auch hin und wieder vorgekommen, dass er sie einfach wachgerüttelt hatte, sie gefragt hatte, mit wem sie ihn denn betrüge, wie er heiße, aussehe und warum sie das tue. Immer war sie völlig erschrocken gewesen, völlig verwirrt und jedes Mal hatte sie ihn beruhigt, sie liebe ihn und nur ihn, und sie verstehe nicht, warum er solche Gedanken hege. Seine einzigen Reaktionen waren ein nicht zu deutender Gesichtsausdruck und ein Grummeln, im Grunde hörte er nie richtig zu. Dennoch schlief sie danach auf seiner Brust ein, wohl, um ihn zu beruhigen, doch er fand erst sehr spät, als schon die ersten Lichtstrahlen auf den Vorhängen tanzten, in einen unruhigen Schlaf.

Dann gestern, als sie mit ihm darüber reden hatte wollen, natürlich besorgt dreinschauend, und schließlich erwähnt hatte, dass …

Mühsam schob er seine Gedanken beiseite und richtete seine Aufmerksamkeit auf das, was vor ihm lag: Er musste um jeden Preis verhindern, dass der Mord aufflog. Eine abrupte Flucht wäre viel zu auffällig gewesen, er musste zumindest eine Zeitlang noch in diesem Haus wohnen. Falls die Nachbarn stutzig wurden, konnte er immer noch behaupten, sie hätten Krach gehabt und sich getrennt. Nun, es hatte auch einen lauten Krach gegeben, als er …

Wieder riss er sich von diesem Gedankengang los. Was getan war, war nun mal getan, der Blick in die Zukunft zählte nun. Er sah sich um: Das hübsch eingerichtete Wohnzimmer mit der grünen Sitzgarnitur, dem kleinen Glastisch, den vielen Bücherregalen und dem Fernseher in einer Ecke war ihre Idee gewesen und auch er mochte die Einrichtung. Und gerade jetzt war er froh, dass er sich erinnern konnte, nie Gäste hier empfangen zu haben, sie waren immer unter sich geblieben und hatten keinen Kontakt mit der Außenwelt gehabt. Das war auch kein Wunder, nachdem sie so lange gebraucht hatten, sich ein trautes Heim zu bauen, und ihre Heimatstadt hatten verlassen müssen … immerhin musste er so Freunden oder Bekannten nichts erklären.

Nun wurde das Wohnzimmer im Licht der Abendsonne gebadet, schon bald würde sich die Finsternis breitmachen, die gleiche, die auch seine Zukunft einnehmen würde, unternahm er nichts. Er erhob sich von seinem Sessel, ging in die Küche und machte sich ein Steak mit Spiegeleiern zum Abendessen. Als er fertig mit Essen und Abspülen war, duschte er sich und ging zu Bett. Er fühlte sich merkwürdig geschafft und wollte lieber munter und ausgeschlafen sein für morgen, schließlich ging mit dem Montag eine neue Arbeitswoche los. Er glaubte zwar nicht, dass seine langweilige Programmierertätigkeit ihn ablenken könnte, aber musste zur Arbeit erscheinen, damit er nur keinen Verdacht erweckte.

Nach langem Hin- und Herwälzen schlief er letzten Endes ein und träumte unruhig …
Also erstmal zum formellen:
Im Text sind einige, bei dir sehr ungewöhnliche Zeitfehler (es sei denn, sie sind absichtlich?):
Zitat:diktieren ihm, was er zu fühlen habe, was für eine Art Mensch er sei, wie er sich zu verhalten habe. Er beachtete sie nicht sonderlich, dachte eher daran, warum er diese Tat vollbrachte; er glaubte, ihre[vergangene] Beziehung als harmonisch und völlig intakt bezeichnen zu können, er hatte also eigentlich gar keinen Grund, sie zu töten. Und doch … da war etwas. Der unterschwellige Verdacht, die Vermutung, sie [color]könne[/color] ihn betrügen, ja hintergehen – ihn, der immer für sie da [color]war[/color]!
Weiters muss es heißen "gewesen war", schließlich ist die Affäre ja mit dem Tod beendet.

Der Stil gefällt mir auf jeden Fall, die Identifikation mit der Hauptperson ist wohl absichtlich eher weniger gegeben. Der erste Oneliner weckt natürlich mein Interesse, das ansonsten für einen gewissens- und vertrauenslosen Mörder sonst fast null gewesen wäre. Allerdings weiß ich nicht, wie du die geheime Information, was denn vor dem Mord geschah, einbringen willst, um den Hauptcharakter interessant/ nachvollziehbar zu machen- ich bin jedenfalls gespannt!
Sehr interessant und vor allem sprachlich gutOk Nicht zu abgehoben, sondern genau richtig. Ich bin ebenfalls gespannt.
Oh, das sind definitiv Schusselfehler. Selbst in meinen älteren Texten entdecke ich hin und wieder Fehler trotz mehrfachen Durchlesens -- manchmal frage ich mich, ob ich bei meinen eigenen Fehlern etwas kurzsichtig bin, fremde fallen mir ja doch auch sofort auf.

Danke jedenfalls! Endlich gibt mir jemand Rückmeldung, dachte schon, der Text wär so was von schlecht, dass sich einfach keiner traut, hier irgendwas hineinzuschreiben.

Zitat:Der Stil gefällt mir auf jeden Fall, die Identifikation mit der Hauptperson ist wohl absichtlich eher weniger gegeben. Der erste Oneliner weckt natürlich mein Interesse, das ansonsten für einen gewissens- und vertrauenslosen Mörder sonst fast null gewesen wäre. Allerdings weiß ich nicht, wie du die geheime Information, was denn vor dem Mord geschah, einbringen willst, um den Hauptcharakter interessant/ nachvollziehbar zu machen- ich bin jedenfalls gespannt!
Das liest man doch gern.
Es hat einen ganz bestimmten Grund, warum ich die Hauptperson nicht näher erläutere -- entweder kommt ihr im Laufe der Geschichte selbst drauf oder ich erkläre es irgendwann mal, falls ich's wirklich durchziehe -- und damit hängt auch ein wenig der Hintergrund zum Mord zusammen. Ich hoffe nur, das sprachlich und inhaltlich auch gut ausbauen zu können, aber ich bin da zuversichtlich.
War mir vorhin nicht sicher, aber die nachfolgenden "habe, sei, habe" gehören, denke ich, ebenfalls ins Präteritum.

Ich hab den Thread leider nicht früher gesehen, weil erstens die Neue-Beiträge-Funktion nicht ganz richtig funktioniert und viel mehrere Themen in kürzerer Zeit eröffnet werden, so dass das irgendwie unterging.

Was ich meinte (du hast es zwar sicher eh verstanden, dennoch), war, dass der Protagonist derart skrupellos und reuelos handelt, dass man sich schwer vorstellen kann, dass eine Affäre so schlimm gewesen sein kann, den Mord emotional zu rechtfertigen.

OT: Ich hatte heute auch ein Referat über Nachkriegspolitik bis '66, und im Handout, man glaubt es kaum, stand dieser Satz:
Zitat:In der Folgezeit wollte die SPÖ Vollbeschäftigung durch große öffentliche Investitionen anstrebte, fuhr die ÖVP auf Sparschiene[...]
Kurz abgelenkt, dachte ich, ich hätte den Satz mit "Während" begonnen, jetzt musste ich den Kollegen erklären, dass sie doch bitte "anstrebte" durch "erreichen" ersetzen und nach dem Komma ein "währenddessen" einfügen sollen. Immerhin bemerkte es die Lehrerin nicht...Crazy
Hm, für mich ist das indirekte Rede, aber ich kann genauso gut auf dem Holzweg sein. Ich guck mir das später noch mal an.

Kadano schrieb:Ich hab den Thread leider nicht früher gesehen, weil erstens die Neue-Beiträge-Funktion nicht ganz richtig funktioniert und viel mehrere Themen in kürzerer Zeit eröffnet werden, so dass das irgendwie unterging.
Hehe, sollte keine Anschuldigung gewesen sein. ; ) Hat mich wirklich nur gefreut, dass jemand das Threadelchen fand.

Zitat:Was ich meinte (du hast es zwar sicher eh verstanden, dennoch), war, dass der Protagonist derart skrupellos und reuelos handelt, dass man sich schwer vorstellen kann, dass eine Affäre so schlimm gewesen sein kann, den Mord emotional zu rechtfertigen.
Na, dann bin ich mal gespannt, was du von der Erklärung halten wirst -- wie gesagt, ich hoffe nur, ich präsentiere die auch entsprechend gut.

Lustiges Beispiel übrigens, aber solche Schnitzer sind schneller drin, als man glaubt. Lachen
Das klingt sehr interessant und macht definitiv Lust auf mehr. Du kreierst eine schöne Atmosphäre, gerade mit Wörtern oder Umschreibungen wie z.B: "roter Vorhang" oder auch "Kirschbaum" - das regt bei mir die Fantasie an und schon entsteht in meinem Kopf ein Bild.

Allerdings hat Kadano eindeutig recht, da gibt es einige Probleme mit den Zeitformen. Tempus, Tempus. Böses Ding.

Zitat:Erst nachdem sich der Schleier lichtete, als der rote Vorhang sich hob, erblickte er voller Unglauben Blut an seinen Händen, das Blut derjenigen, die er glaubte, zu lieben.

Da sie ja tot ist, müsste es abgeschlossene Vergangenheit, also Plusquamperfekt sein: "geglaubt hatte zu lieben." Sagt mir mein Gefühl. (Und ob das Komma da noch reinkommt... tricky.)

Zitat:Nun saß er allein in diesem düsteren Haus, seine Gedankenwelt glich einem wild verknäultem Haufen , sich einander jagende Gedanken, die umherschwirrten, völlig ziellos, einfach entstanden und existierten, ohne dass er sie selbst verstand.

Da muss erst mal das Komma nach Haufen weg, da das ganze wie ein zusammengesetztes Adjektiv funktioniert: Ein wild verknäulter Haufen sich/ einander jagender Gedanken.
Punkt zwei sind sich und einander: Da musst du entweder oder wählen, denke ich. Entweder nimmst du "einander jagende Gedanken" oder einen Haufen "sich jagender Gedanken".

Zitat:Er hatte sie bereits vergraben, in einem schattigen Eckchen seines Gartens, unter dem Kirschbaum, den sie so sehr mochte und unter dem sie sich zum ersten Mal küssten; er fand, es war genau der richtige Ort; der Ort, an dem ihre schicksalshafte Beziehung begonnen, sie viele Geheimnisse ausgetauscht, über das Leben philosophierten hatten und sie nun lag, zur letzten Ruhe gebettet.

Du erzählst hier von der abgeschlossenen Vergangenheit, also musst du immer Plusquamperfekt verwenden. Der Kirschbaum, den sie so sehr gemocht hatte und unter dem sie sich zum ersten Mal geküsst hatten. Anschliessend hast du Plusquamperfekt, da stimmt es.

Zitat:Er beachtete sie nicht sonderlich, dachte eher daran, warum er diese Tat vollbracht hatte; er glaubte, ihre einstige Beziehung als harmonisch und völlig intakt bezeichnen zu können, er hatte also eigentlich gar keinen Grund, sie zu töten. Und doch … da war etwas.

Same here. Du switchst zwischen Präteritum und Plusquamperfekt hin und her. Aber das Präteritum ist die Gegenwart deiner story. Deshalb heisst es nicht "hatte keinen Grund, sie zu töten", sondern "hatte keinen Grund gehabt, sie zu töten."
Und anschliessend: "Da war etwas gewesen."

Zitat:Wenn sie schon lange neben ihm eingeschlafen war und sich an ihn schmiegte, lag er noch lange wach und [color]überlegte[/color], wie ihre heimliche Liebschaft denn aussehen könnte. Vielleicht war es nicht mal ein Mann, sondern eine Frau, auch wenn sie, als sie über vergangene Gefährten erzählte, nie eine Frau erwähnte.

Es ist möglich, vom Plusquamperfekt zurück ins Präteritum zu wechseln, wenn man einen längeren Abschnitt in der abgeschlossenen Vergangenheit erzählt. Einfach, weil es sich mit andauernden "hatte getan, war gewesen", ect. furchtbar liest (und schreibt). Aber dieser Wechsel kann nicht innerhalb eines Satzes sein.
Deshalb im ersten Satz hier: "sich an ihn geschmiegt hatte" und "war lange wach gelegen und hatte sich überlegt".
Den anschliessenden Satz kannst du von der Zeitenfolge her lassen, der Übergang geschieht hier fliessend und unterbricht den Lesefluss nicht.
Aber ich empfehle dir: "als sie von vergangenen Gefährten erzählte". Denn in der Regel erzählt man von etwas, nicht über etwas.

Zitat:Immer war sie völlig erschrocken, völlig verwirrt und jedes Mal beruhigte sie ihn, sie liebe ihn, nur ihn, und sie nicht verstehe, warum er solche Gedanken hegte.

Da hast du ein angedeutetes "dass", aber das Verb fehlt noch dazu. Im Sinne von "und beteuerte, dass sie nicht verstehe, warum..."
Aber du kannst die beiden Worte auch einfach vertauschen, das liest sich vielleicht flüssiger (und der Satz wird kürzer): "und sie verstehe (verstünde?) nicht, warum..."

Zitat:Seine einzige Reaktion waren ein nicht zu deutender Gesichtsausdruck und ein Grummeln, im Grunde hörte er nie richtig zu.

Da ist nix falsch, aber ich empfehle: Seine einzigen Reaktionen", das wäre passend zum folgenden Plural.

Zitat:Dennoch schlief sie danach auf seiner Brust ein, wohl, um ihn zu beruhigen, doch er fand erst sehr spät, als schon die ersten Lichtstrahlen auf den Vorhängen tanzten, einen unruhigen Schlaf.

Wenn ich mal alle Adjektive und Nebensätze rausnehme, dann findet dein Mann einen unruhigen Schlaf. Ich bin nicht sicher, ob das eine gängige Formulierung ist, ich kenne nur "man findet in einen unruhigen/leichten/whatever Schlaf".

Zitat:Dann gestern, als sie mit ihm darüber reden wollte, natürlich besorgt dreinschauend, und schließlich erwähnte, dass …

Mit "gestern" erzwingst du hier fast das Plusquamperfekt wieder. Denn Heute ist Gestern ja abgeschlossene Vergangenheit. ;)
Also müsste es heissen: Dann gestern, als sie mit ihm darüber hatte reden wollen".
Und da du die Sache ja aus der Sicht des Mannes erzählst, wäre es vielleicht weniger ein "erwähnen" als ein "gestehen" oder "zugeben"? Dann würde die Anklage stärker durchklingen.

Zitat:Falls die Nachbarn stutzig wurden, konnte er noch immer behaupten, sie hätten Krach gehabt und sich getrennt. Nun, es gab auch einen lauten Krach, als er …

"noch" und "immer" würde ich vertauschen. Ist aber nur mein Gefühl - vielleicht sagt man das bei dir umgekehrt als bei mir.
Und im zweiten Satz musst du wieder Plusquamperfekt bringen, glaube ich: "hatte gegeben".

Zitat:Das hübsch eingerichtete Wohnzimmer mit der grünen Sitzgarnitur, dem kleinen Glastisch, den vielen Bücherregalen und dem Fernseher in einer Ecke war ihre Idee und auch er mochte die Einrichtung. Und gerade jetzt war er froh, dass er sich erinnern konnte, nie Gäste hier empfangen zu haben, sie blieben immer unter sich und hatten keinen Kontakt mit der Außenwelt. Das war auch kein Wunder, nachdem sie so lange brauchten, sich ein trautes Heim zu bauen und ihre Heimatstadt verlassen mussten … immerhin musste er so Freunden oder Bekannten nichts erklären.

Alle roten Verben müsstest du hier ins Plusquamperfekt setzen, weil es alles abgeschlossene Vergangenheit ist. (Beim letzten Satz bin ich nicht sicher - bezieht sich das auf seine momentane Situation?)
Natürlich klingt es scheisse, wenn überall "war gewesen, waren geblieben, hatten gehabt, hatten gebraucht" oder gar "hatte verlassen müssen" steht.
Rückblicke und das elende Plusquamperfekt sind eins der Themen, die ich in den Foren mit vielen Hobbyautoren schon durchdiskutiert hab. Es gibt keine einfache oder klare Lösung, weil in der deutschen Sprache die Zeitenfolge nicht klar geregelt ist. Leider. =(
Ich empfehle dir trotzdem, hier alles ins Plusquamperfekt zu setzen. Es ist einfach sicherer. Wenn du Präteritum verwendest, dann bist du in der Gegenwart. Und alles was die Frau betrifft muss abgeschlossene Vergangenheit sein, genauso wie die Dinge, die die beiden gemeinsam getan haben.
Die meisten Leser würden es nicht bemerken, aber für ein geschultes Auge klingt es hier, als wäre sie noch am Leben.
Es sei denn natürlich... du hättest diesen Effekt absichtlich erzeugt? Und das wäre Teil des "Wahnsinnes" des Mannes? Andererseits verleugnet er ja nicht vor sich selbst, dass er sie getötet hat. Daher schliesse ich das mal aus.

Insgesamt klingt der Text aber gut. Die oft sehr langen Sätze mit den vielen Kommas sind ein wenig beschwerlich, da solltest du darauf achten, es nicht zu übertreiben. Aber andererseits unterstützt das auch ganz toll die emotionslosen, sachlichen und irgendwie eiskalten Aktionen und Gedankengänge des Mannes.
Dass er keinen Namen hat, genauso wie sie, macht die Sache nur noch gruseliger. Da hast du tolle Stilmittel eingesetzt!

Als letztes noch ein Tipp, den ich von einer guten Freundin bekommen habe, die im Schreiben schon viel weiser ist als ich: Schreib die Dinge nicht, sondern zeig sie.

Dieser Satz z.B.
Zitat:Doch da war nur gähnende Leere, eine Gefühlskälte, das völlige Fehlen jeglicher Empfindung. Er fühlte sich wie ein Apparat, eine herzlose Maschine.

- den hättest du auch einfach weglassen und die Handlungen des Mannes, das sachliche Überlegen, das ausgiebige Essen, das völlig alltägliche Verhalten, für sich sprechen lassen können.
Das allein hätte ausgereicht, dass den Leser ein mulmiges Gefühl beschleicht und er sich fragt, warum der Mann kein bisschen betroffen wirkt, nicht trauert, nichts. Besonders das mit dem Essen ist gut: Wer trauert, hat nie Appetit.
Schon als ich Steak las, schrak ich ein wenig zurück.
Das alles beschreibt schon ausreichend, wie emotionslos der Mann ist, und manchmal muss man es gar nicht mehr extra erwähnen.
Unterschätze deine Leser nicht, lass sie Dinge auch selbst rausfinden, präsentiere ihnen nicht alles auf dem Silbertablett - formuliere nicht selbst alles aus, was du aussagen willst, sondern zeige es einfach und lass die Leser es aufnehmen, drüber nachdenken und schliesslich selbst Schlüsse ziehen.

Ich weiss aus Erfahrung: Es ist furchtbar schwierig.
Aber mach weiter mit deiner Geschichte! Das hier hat definitiv Potential! ;-)

Liebe Grüsse von Kao

P.S. Ich hoffe, mein post klingt nicht arrogant oder so. Ich selbst bin alles andere als ein Profi auf dem Gebiet des Schreibens und meine Korrektionen können falsch sein, ich bin ja auch nur ein Mensch. Ich hoffe, ich habe dich nicht vor den Kopf gestossen!
Allgemein zu deinen Vorschlägen:
Ich bin mir in der Kommasetzung und überhaupt in der deutschen Rechtschreibung sehr sicher und neige da weniger zur Fehlerproduktion. Damit meine ich
Kao schrieb:(Und ob das Komma da noch reinkommt... tricky.)
und
Zitat:Da muss erst mal das Komma nach Haufen weg, da das ganze wie ein zusammengesetztes Adjektiv funktioniert: Ein wild verknäulter Haufen sich/ einander jagender Gedanken.

Ersteres ist völlig korrekt, siehe die Regeln der neuen Rechtschreibung zur erweiterten Infinitivkonstruktion.

Beim zweiten Punkt dachtest du vermutlich, das wär ein Fehler, weil du "einander jagende Gedanken" als Attribut ansahst. Dem ist nicht so, der ganze Klumpatsch danach (von "einander jagenden Gedanken" bis "ohne dass er sie selbst verstand") ist eine Erläuterung, also eigenständig. Da sollte ich wohl einen Strichpunkt verwenden statt eines Kommas, ist einfach eindeutiger. Kurz zu "sich einander jagend": Stimmt, da ist ein Wort zu viel drin; hoffentlich neige ich nicht allgemein zu Pleonasmen, das wäre sonst ... doof.

Bei den Tempora hast du vollkommen Recht. Leider muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich sehr oft Fehler mache bezüglich des Plusquamperfekts, wohl wirklich aus dem Grund, weil sich die zusammengesetzten Zeiten nicht besonders angenehm lesen. Ich muss in Zukunft unbedingt mehr darauf achten ...

Zitat:Da hast du ein angedeutetes "dass", aber das Verb fehlt noch dazu. Im Sinne von "und beteuerte, dass sie nicht verstehe, warum..."
Aber du kannst die beiden Worte auch einfach vertauschen, das liest sich vielleicht flüssiger (und der Satz wird kürzer): "und sie verstehe (verstünde?) nicht, warum..."
Könntest du das evtl. genauer erläutern? Ich verstehe nicht ganz, was du mir damit sagen willst.

Zitat:Wenn ich mal alle Adjektive und Nebensätze rausnehme, dann findet dein Mann einen unruhigen Schlaf. Ich bin nicht sicher, ob das eine gängige Formulierung ist, ich kenne nur "man findet in einen unruhigen/leichten/whatever Schlaf".
Da habe ich wohl jahrelang Fehler gemacht ... könnte an meinem Dialekt liegen, wer weiß ... trotzdem, darf nicht mehr vorkommen.

Zitat:- den hättest du auch einfach weglassen und die Handlungen des Mannes, das sachliche Überlegen, das ausgiebige Essen, das völlig alltägliche Verhalten, für sich sprechen lassen können.
Das allein hätte ausgereicht, dass den Leser ein mulmiges Gefühl beschleicht und er sich fragt, warum der Mann kein bisschen betroffen wirkt, nicht trauert, nichts. Besonders das mit dem Essen ist gut: Wer trauert, hat nie Appetit.
Schon als ich Steak las, schrak ich ein wenig zurück.
Das alles beschreibt schon ausreichend, wie emotionslos der Mann ist, und manchmal muss man es gar nicht mehr extra erwähnen.
Unterschätze deine Leser nicht, lass sie Dinge auch selbst rausfinden, präsentiere ihnen nicht alles auf dem Silbertablett - formuliere nicht selbst alles aus, was du aussagen willst, sondern zeige es einfach und lass die Leser es aufnehmen, drüber nachdenken und schliesslich selbst Schlüsse ziehen.
Hm ... ein sehr interessanter Punkt. Werde ich mir merken.

---

Alles in allem bin ich dir dankbar für die konstruktive Kritik, die bekomme ich nämlich nie zu hören; meistens, wenn ich Freunden und Bekannten neue Texte von mir zeige, werde ich mit "Super!", "Wieder einmal toll geschrieben!" etc. pp. geradezu zugeschüttet, aber das bringt mir nichts. Wenn du magst, kannst du dir gerne noch meine anderen Texte angucken, bin gespannt, was du mir zu denen sagen könntest.

Die Änderungen übernehme ich später, danke noch einmal.
Was die Kommasetzung betrifft, da bin ich absolut nicht sattelfest. (Habs daher auch als Frage formuliert) Da verlässt du dich besser auf dein eigenes Gefühl.

Dann zum Haufen: Eventuell gab es da ein Missverständnis.

Zitat:Nun saß er allein in diesem düsteren Haus, seine Gedankenwelt glich einem wild verknäultem Haufen, sich einander jagende Gedanken, die umherschwirrten, völlig ziellos, einfach entstanden und existierten, ohne dass er sie selbst verstand.

Ich dachte, du würdest Folgendes aussagen wollen: Seine Gedankenwelt gliche einem wild verknäulten Haufen von einander jagenden Gedanken.
Dass also der wild verknäulte Haufen mit den sich/einander jagenden Gedanken zusammenhängt.
Wenn ich das jetzt so am Stück lese wird mir klar, dass du das nicht zusammen nehmen wolltest, da wäre zweimal das Wort Gedanken drin gewesen.
Also folgen die "sich/einander jagenden Gedanken" auf den "wild verknäulten Haufen", sind aber von ihm getrennt - hab ich das jetzt richtig verstanden?
In dem Fall ist es natürlich eine Erläuterung, beinahe eine Aufzählung, und du hast Recht, da muss das Komma hin. Oder ein Semikolon, noch besser - das würde dann alle Missverständnisse aus dem Weg räumen.
Aber sind dann die "sich/einander jagende Gedanken" nicht auch im Dativ? Du beginnst ja mit Daviv: Seine Gedankenwelt glich WEM... einem --- Haufen, einander jagenden Gedanken ... ?
Da mir immer noch nicht ganz klar ist, wie der Satz nun sein soll, entscheidest du das vermutlich am Besten selber.

Btw: Pleonasmen? Klingt beeindruckend, kannte ich gar nicht. Muss ich gleich mal meinem Wortschatz hinzufügen.

Zu der Sache mit dem dass:
Zitat:Immer war sie völlig erschrocken, völlig verwirrt und jedes Mal beruhigte sie ihn, sie liebe ihn, nur ihn, und sie nicht verstehe, warum er solche Gedanken hegte.

Das ist dein Originalsatz. Fällt dir auf, dass etwas nicht stimmt?
Du musst bei "nicht verstehe" die beiden Wörter vertauschen, dann ist es korrekt.
Als ich es las, habe ich den Fehler zuerst gar nicht bemerkt - beim zweiten Durchlesen dachte ich, da würde ein "dass" und ein Verb fehlen.
Ich dachte, du hättest Folgendes sagen wollen, aber dann wegen der Verschachtelung das Verb und das "dass" verloren:
"Immer war sie völlig erschrocken, völlig verwirrt und jedes Mal beruhigte sie ihn, sie liebe ihn, nur ihn, und beteuerte, dass sie nicht verstehe, warum er solche Gedanken hegte."

Naja, such dir selber aus, wie du es haben möchtest. Möglicherweise stimmt sogar das Original - ich bin mir gerade bei nichts mehr sicher - aber für mich klingt es schon sehr seltsam.

Exitus schrieb:Da habe ich wohl jahrelang Fehler gemacht ... könnte an meinem Dialekt liegen, wer weiß ... trotzdem, darf nicht mehr vorkommen.
Uh, nein nein! Achtung. Ich bin kein Duden, ich sag nur, was mir mein Gefühl sagt... verlass dich im Zweifelsfall lieber auf deines und nicht auf meines!
Deine Antwort auf meine Kritik hat mir bewiesen, dass du mit der Materie mindestens so vertraut bist wie ich. (Pleonasmen... tz tz, da versteh ich nur Oxymoron. Crazy )
Und es kann sehr gut sein, dass man bloss in meinem Dialekt sagt "man findet in den/einen Schlaf", und dass es vollkommen korrekt und gängig ist, "man findet den/einen Schlaf" zu sagen.
Überhaupt... fällt mir da ein... es heisst ja auch "Ich finde keinen Schlaf". Folglich müsste sich daraus ableiten lassen "Ich finde einen Schlaf." (natürlich noch mit Adjektiv)
Also keine Panik - der Fehler liegt hier vielmehr bei mir, und das dürfte mir eigentlich nicht mehr passieren!
Oh, und sei nicht so hart zu dir. Fehler werden immer vorkommen. Zwinker

Exitus schrieb:Alles in allem bin ich dir dankbar für die konstruktive Kritik, die bekomme ich nämlich nie zu hören; meistens, wenn ich Freunden und Bekannten neue Texte von mir zeige, werde ich mit "Super!", "Wieder einmal toll geschrieben!" etc. pp. geradezu zugeschüttet, aber das bringt mir nichts. Wenn du magst, kannst du dir gerne noch meine anderen Texte angucken, bin gespannt, was du mir zu denen sagen könntest.

Die Änderungen übernehme ich später, danke noch einmal.

Das kenne ich zur Genüge. Lob ist was Tolles, aber man kann sich schlecht verbessern, wenn immer nur alles toll und super ist.
Andere Texte von dir würde ich mir gerne noch anschauen, vorausgesetzt sie haben nicht gleich den Umfang eines Romans. Zwinker
Und allzu schnell kann ich auch nichts versprechen, ich bin eine ziemlich ausgelastete Beta im Moment.
Auf jeden Fall gern geschehen! Bin gespannt, ob es hier noch weitergeht mit "Abgrund". (Der Titel ist übrigens wunderbar. Schlicht aber total aussagekräftig)
Meine Güte, das sind ja die längsten Beiträge seit... Jahren Crazy
Die Plusquamperfekte (die Pluralform klingt blöd, wider Erwartung existiert "Perfekta" jedoch nicht!?) sind, denke ich, ein bei diesem Text unüberwindbares Problem. Einen Wechsel wie Kao in angesprochen hat fände ich selbst dann unpassend, wenn er nur allmählich geschehen würde.
Die Kommasetzung ist, da bin ich mir sicher, perfekt, im zweiten Absatz hätte man ein "," durch ein ";" ersetzen können; ist aber nicht notwendig.
Mir gefallen optisch die drei Fragezeichen Punkte ohne Leerzeichen besser, aber Gesetz ist Gesetz.

Das Verb "Schlaf finden" gibt es auf jeden Fall. Meine Generation im 13. Bezirk von Wien spricht doch ziemlich dialektfreies Hochdeutsch, außerdem gibt es ja auch "keinen Schlaf finden"; ich habe bisher weder "in Schlaf finden" noch "in keinen Schlaf finden" gehört.
Der verknäulte Haufen will mir nicht so recht gefallen. Wie wäre es mit einem verworrenen Knäuel?
Kao schrieb:
Zitat:Immer war sie völlig erschrocken, völlig verwirrt und jedes Mal beruhigte sie ihn, sie liebe ihn, nur ihn, und sie nicht verstehe, warum er solche Gedanken hegte.
Das ist dein Originalsatz. Fällt dir auf, dass etwas nicht stimmt?
Außerdem gehören auch hier alle Verbformen ins Plusquamperfekt.

Zitat:Immer war sie völlig erschrocken, völlig verwirrt und jedes Mal beruhigte sie ihn, sie liebe ihn, nur ihn, und sie nicht verstehe, warum er solche Gedanken hegte.
Kao hat Recht, so geht das nicht. Wenn der Satz noch ein "dass" hätte ([...], und dass sie nicht verstehe[...]), könnte man es noch insofern durchgehen lassen, als dass "... hatte sie ihn beruhigt, dass sie nicht verstand, warum er solche Gedanken hegte" ja impliziert, dass die Beteuerung des Unverständnisses an sich eine Beruhigung sei. Trotzdem würde ich einen von Kaos Vorschlägen nehmen, z.B. so:

"Immer war sie völlig erschrocken gewesen [die unsägliche Form "war gewesen" ist hier die einzig passende, die ich kenne]; völlig verwirrt und jedes Mal hatte sie ihn beruhigt, sie liebte ihn, nur ihn,[<-kann man so lassen- indirekte Rede] und hatte beteuert, dass sie nicht verstand, warum er solche Gedanken hegte. " - Ich hoffe, das stimmt jetzt so. Am unsichersten bin ich mir bei "hegen", in dieser Version könnte man vielleicht alternativ "gehegt hatte" verwenden, allerdings wirkt es dann so, als ob sie von etwas zu ihren Lebzeiten Vergangenem redete. Damit "hegte" gültig ist, muss sich das Plusquamperfekt "hatte beteuert" auch noch auf diesen Satzteil beziehen; ob dem so ist, weiß ich jetzt nicht.
Seiten: 1 2
Referenz-URLs