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Geschichten aus Eó - Schicksalspfade
#1
Titel mit der Miezis war Exitus' Idee, hierfür wird keinerlei Haftung übernommen, bis mir etwas besseres einfällt, bzw. ich mich endgültig entschieden hab ... Crazy

Der Prolog soll zur Einleitung auf eine neue Geschichte dienen, weitab vom GS-Kosmos, weil ich doch finde, dass einen die Psynergien bzw. die Elemente "krass" einschränken.
Ich hatte schon so viele Ideen, die ich wieder verwerfen musste, nur weil ich nicht erklären/begründen konnte, wie denn nun diese Fähigkeit zum Beispiel zustande gekommen ist. Kann auch sein, dass ich an dieser Stelle nicht kreativ genug bin, hm.
Spielt die Handlung in einer rein magischen Umgebung/Welt, passt das ein oder andere besser rein und weil ich manchmal verrückte Ideen hab, dachte ich, schreibst du mal was abseits von Golden Sun.
Eventuell werde ich kleine Sachen aus dem Universum rund um Golden Sun übernehmen, mal sehen.
Die Geschichte spielt in der Welt Eó, in der, wie schon erwähnt, Magie in allen Formen vorkommt.
Bevor ich zuviel verrate, kommt hier erstmal der Prolog.
Wenn sich den keiner durchliest, dann ... dann ... schreib ich trotzdem weiter Lachen


Prolog



Plateau von Tyrmis im Jahre 4999.


Sie spürten den Abgrund hinter ihnen im Nacken. Hunderte Meter freier Fall und am Ende ein tosender, ein reißender Fluss, der sich ihnen hämisch entgegenstreckte. Kein Fluchtweg, keine Möglichkeit mehr dem Schicksal zu entfliehen, es war aussichtslos. Der Himmel war pechschwarz, hier und da erhellte ein kurzer Blitz die trostlose, graue Umgebung und pausenloses Donnern und Grollen wirkten wie Schreie verganger Bestien aus längst vergessen Zeiten. Ein Meer bestehend aus brauner Masse türmte sich vor ihnen auf. Croix blinzelte und wischte sich den Regen, der in unablässigen Strömen floss, aus dem Gesicht und erkannte die braune Masse jetzt klarer als ein Heer gezackter Speere wieder.
Es waren unzählige Soldaten und die Speere kamen ihm wie die Münder bissiger Schlagen vor, begierig darauf wartend, die Beute endlich verschlingen zu können. Und die Beute waren sie.

Was konnten drei gegen eine Übermacht tun? Was konnten sie tun?
Er zitterte. Vor Angst, vor Kälte und vor Erschöpfung. Doch ein Gefühl ließ ihn mehr denn je erzittern: Scham.
Er hatte es doch versprochen, hatte versprochen, hatte versprochen …
Wie ein Mantra spukte es durch seinen Kopf, er hatte ihr doch versprochen, sie zu beschützen. Und eine Sache wollte er ihr auch noch erzählen, doch jetzt war er nicht mehr so sicher, ob er überhaupt würdig war, es ihr zu sagen.

Sie war neben ihm auf die Knie gesunken, den zierlichen Kopf in die nicht minder zerbrechlichen Hände gelegt und sie weinte, weinte bitterlich.
»Was ist, Croix?«, brummte eine tiefe, aber vertrauensvoll klingende Stimme neben ihm. »Du wusstest, dass es früher oder später so kommen würde, nicht wahr? Wir wussten es alle drei und wir waren damit einverstanden.«
Croix lächelte und wagte einen Blick zu seiner Rechten. Wie dankbar er war, dass er solche Freunde gefunden hatte, nicht nur sie, sondern vielmehr ihn, Morcar. Ein wahrhaft treuer Begleiter und ein Riese von einem Tiermensch. Jedes mal, wenn er Morcar sah, fürchtete er sich für den winzigen Augenblick einer Sekunde, nur um sich beschämt zu erinnern, wie zahm dieser Bursche doch war, wie liebevoll, wie fürsorglich.

»Ich wusste es, ja. Aber den Gedanken, die bloße Vorstellung habe ich immer weit, weit weg geschoben.«, antwortete Croix ihm und Bedauern schwang in seiner Stimme mit.
»Auch jetzt, am Ende unserer Reise will ich nicht, dass sie diesen sinnlosen Tod sterben soll, Morcar. Ich kann es nicht ertragen, es geht nicht, es geht einfach nicht. Warum sollte sie sterben, nur damit ...«, er brach ab.
Tränen stahlen sich aus seinen kristallklaren Augen, verschmolzen mit dem Regen und tropften auf den sandigen Boden, eine dumpfe Erinnerung, ein Moment, der schnell vergeht, ehe man sich dessen bewußt wird.

»Keine Sorge mein Freund, dies wird nicht dein Ende sein«, brummte Morcar plötzlich.
»Du sollst leben, Croix«, hörte er sie neben sich sagen. Sie war aufgestanden, mit bloßer Willenskraft hatte sie sich aufgerafft und schaute ihm tief in die Augen.
»Ich will, dass du lebst. Für mich, für uns.«
Croix schaute sie angsterfüllt an: »Ich …«, weiter kam er nicht, denn sie hatte ihm einen Finger auf den Mund gelegt.
»Hör mir zu, Croix. Die Zeit mit euch und dir vor allem war die schönste in meinem ganzen Leben und ich bin froh, dich kennengelernt zu haben und … und ...«

Tränen liefen ihr jetzt ebenfalls aus den Augen, das kleine Gesicht hinab und mischten sich mit den seinen, sie schluchzte und schaute zu Boden.
Er war verwirrt, doch er nahm dumpf die plötzliche Bewegung der Masse wahr und meinte, eine Reihe von Befehlen zu hören. Dann bewegte sich die Masse. Sie türmte sich auf, flog und plötzlich erkannte er, dass es sich um Wurfspeere handelte.

Das Geräusch, als etliche davon Morcar durchdrangen, war fürchterlich. Ein grausames Orchester, das die Melodie des Schmerzes für ihn spielte.
»Morcar!«, schrie Croix wahnsinnig vor Zorn und machte Anstalten seinem Freund zu helfen, doch sie hielt ihn mit aller Kraft zurück. Er wollte protestieren, doch sie kam ihm zuvor.
»Du musst leben, Croix, für uns alle. Die Erinnerungen unserer Reise werden niemals vergehen, der Schmerz, die Freude, alles wird auf ewig in unseren Herzen sein.«

Erneut schaute sie auf, riss ihn an sich und küsste ihn sanft, gleichzeitig aber mit so unglaublicher Sehnsucht, dass es ihn zu zerreißen drohte.

»Lebe für uns, Croix«, wiederholte sie und stieß ihn dann in den Abgrund.
»Elie, Ich … «, schrie er, während er im Begriff war zu fallen. Die Zeit verging für ihn wie in Zeitlupe. Seine Lippen formten die Worte »Warum ich? Warum?«
Das letzte, was er sah, war dieses traurige Lächeln, ihr Lächeln. Das Lächeln einer Frau, die er so wahnsinnig liebte, mit der er hätte alt werden wollen. Mehr wollte er nicht, mehr brauchte er nicht. Doch wieder mal hatte ihn das Schicksal eines Besseren belehrt.

»Warum ich? Warum?«, dachte er im Fallen. Dann klatschte er mit voller Wucht auf der Wasseroberfläche des Flusses auf und es wurde Dunkel um ihn.
"Englisch mag die Sprache der Welt sein, aber Deutsch ist die Sprache des Herzens." -- Jawoll.
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#2
Zu allererst :
Zitat:Wenn sich den keiner durchliest, dann ... dann ... schreib ich trotzdem weiter
Soll das eine Drohung sein ? Crazy

Ich habe mir deinen Prolog durchgelesen, eine Meinung zum Text gefasst und noch die ein oder andere Frage^^

Fragen zuerst, denn wer nicht fragt bleibt dumm !
Wie wird Croix ausgesprochen ?! xD Kommt mir französisch vor, oder ist es doch eher ein "Kroooiikzz" ?
Why the f**k Miezies ? Das geht sowohl an dich und an Exitus, denn dieser Titel lässt an deiner Seriösität zweifeln Lachen
Zitat:im Jahre 4999
Vor oder nach Christus ? (<- DAS lässt an meiner Seriösität zweifeln)

Nun zur Geschichte/Prolog/Miezie-Klo :

Da kann man auf jeden Fall was draus machen ! Smile
Vor allem die bildhaften Vergleiche gefielen mir gut, obwohl du es an manchen Stellen nicht allzu sehr mit selbigen übertreiben solltest, wie zum Beispiel :
Ein "Meer" aus brauner Masse bestehend aus Soldaten bestückt mit Speeren die bissigen Schlangen ähneln die wiederum ihre "Beute" , in Wahrheit die Protagonisten, bildlicherweise "verschlingen" wollen.
Da wird es für meinen Geschmack etwas zu viel.
IST aber mMn Ansichtssache^^

Der klare Sinn dieses Prologes ist buchstäblich den Leser geil drauf zu machen zu erfahren, was mit Croix/Morcar/Elie (letzteren Namen mag ich besonders) denn eig. so los war, was mit der Hauptperson passiert und natürlich was aus seiner Ische wird.
Das ist dir hier eigentlich ziemlich gut gelungen.

Also ran an den Speck, ich möcht noch mehr lesen ! Zungeraus

Ps : "Wie ein Mantra spuckte es durch seinen Kopf"
Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better !
There's a new beef-bowl-shop in town. Maybe we could 'meat' up there
Kupo...kupopo ?! kupooo...Kupo !!! Mlg MogryFan, kupo !
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#3
Man spricht Croix meiner Meinung nach Kroa aus, also kein "x".
Name ist abgespalten von dem eigentlichen, französischen Namen Delacroix.
Da ich in letzter Zeit viele Romane von Rebecca Gablé gelesen habe, kam mir das in Sinn, außerdem ist das auch mein Name bei Legue of Legends, bei dem du, Mogry, dich auch hättest längst anmelden sollen, aber das nur nebenbei Lachen

Warum Miezis? Keine Ahung, frag Exi ... äh, ich mein Exitus ... Lachen
Nicht zu persönlich werden hier ^^

Ich hab eigentlich ständig das Gefühl, zu wenig bildhafte Vergleiche oder einfach schlechte, unschöne, primitive etc. einzubauen.
Das mir jemand das Gegenteil erzählt, ist auch mal eine nette Erfahrung ^^
Kann schon sein, werde ich in Zukunft mal darauf achten.

Ja es spuckt. Denn ist ein ... Lamantra? Mantrala? Wie auch immer, es spuken zu lassen, wäre seriös und damit unangebracht. Punkt. Lachen

PS: Danke für deine Rückmeldung Zwinker
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#4
Okay, hier geht's weiter. Croix, Morcar und Elie sind zwar nicht die Protagonisten, das heißt aber nicht, dass sie keine Rolle mehr spielen Zwinker
Es mag vielleicht ein wenig langweilig sein, dass wieder mal vier Leute eine Gruppe bilden, meiner Meinung nach passt das aber am besten. Außerdem kann ich jetzt schon mal verraten, dass kein männlicher Vertreter diese Gruppe anführt, sobald sie aufbricht Lachen

Jahr 5995, Calai, Hauptstadt des Königreichs Doryu

Es war ein herrlicher Sommertag in der größten Stadt Doryus: in Calai. Die Sonne schien unablässig und ließ sich von den wenigen Wolken nicht im geringsten die Laune verderben, die es wagten sich an einem Tag wie diesem zu zeigen. Nüchterne Fassaden neuer und alter Bauten wechselten sich ab mit dem satten Grün vieler verschiedener Bäume. Kühle spendende Schatten suchte man dennoch vergebens, was sich in vielen verschwitzten und leicht gequälten Gesichtern äußerte.
Das Stadtbild war geprägt von purer Idylle, gerade in diesen Tagen. Mürrische alte Leute, die am Straßenrand auf einer Bank saßen und trotz des Wetters nicht grüßten, Faulenzer aber auch viele Leute, die emsig ihrer Arbeit nachgingen, waren zu sehen.

Calai war ziemlich kontinental gelegen, weitab vom Meer, sodass die Sommer meist brütend heiß waren im Vergleich zu den eisigen Wintern. Das geschäftige Treiben auf den Straßen konnte einen zu dem Trugschluss verleiten, Calai wäre das Handelszentrum Doryus, doch dem war nicht so. Obwohl den Status der Hauptstadt innehabend, hatte sich Calai nie als wirtschaftlicher Nerv des Menschenreiches Doryu durchsetzen können. Stattdessen versammelte sich hier die intellektuelle Elite des Landes, weswegen es gerade Magier oder Anwender von Magie aller Art hierher zog. Die SoMM, oder auch School of Military and Magic war im ganzen Land berühmt für ihre strengen Ausbilder und schwere Prüfungen, aber auch dafür, die fähigsten Magier und Krieger hervorzubringen.
Ebenso war die Stadt der Ort, an dem der König residierte, zusammen mit dem Zirkel der Seher, einer Institution bestehend aus Adligen, Intellektuellen, Magiern und Kriegern, die dem König mit Rat und Tat zur Seite standen. Jeweils die beste weibliche und der beste männliche Abgänger der SoMM hatte eine kleine Chance, in diesen erlesenen Kreis aufgenommen zu werden, denn ansonsten verhalfen einem nur Titel oder Talent zu diesem Aufstieg, letzteres war jedoch nur sporadisch vorhanden.
Neben der riesigen Burg des Königs und dem kleinen Bezirk des Zirkels war vor allem die Abwechslung von Grünflächen und riesigen Steinbauten markant. Calai wirkte nicht protzig, sondern imposant. Nicht Arroganz, sondern majestätische Erhabenheit zierte sie.

Calai war strahlenförmig aufgebaut, was bedeutete, dass alle wichtigen Hauptstraßen von außen nach innen in die Mitte führten, bzw. bis zum innersten Kreis, dem Kern Calais. In der Mitte lag nämlich die Burg des Königs und drumherum der Bezirk, den der Zirkel bewohnte, eine Institution bestehend aus der Elite Calais und in beratender Funktion des Königs rechte Hand. Um den Bezirk schloss sich als nächstes die riesige Innenstadt an, die das reiche Bürgertum Calais beherbergte. Handwerksberufe waren auch hier zu finden, größten Teils waren es aber die sogenannten Gilden, die vieler Orts aus dem Boden sprossen und sich es hier gemütlich gemacht hatten. Die Straße Richtung Süden war gefährlich, so wie das Umland, weshalb seit vielen Jahren Händler privat Schutz anheuerten. Insgesamt gesehen kam das auch dem König und seinem Geldbeutel zugute, immerhin musste er nicht jedes Mal eine Eskorte stellen. Gilden gab es für jeden Zweck, wenngleich die meisten sich auf das Stellen einer Schutzeskorte konzentriert hatten und hier gut Geld zu machen war.
Ebenso gab es eine Gilde nur für Magier und eine, die Schutz anbot, falls man in das Umland wandern und dort kampieren wollte, beispielsweise bei Forschungsreisen. Auf der anderen Seite war die Innenstadt aber auch das kulturelle Zentrum: Museen, Bibliotheken, Forschungseinrichtungen; all das ließ sich hier finden, ebenso wie riesige Trainingsplätze, ganz gleich ob Training geistiger oder körperlicher Natur.

Die Häuser waren zum größten Teil sandfarben oder weiß und das Stadtbanner, welches eine riesige, goldene Sonne auf blutrotem Hintergrund zeigte, hob sich überall ab und betonte zugleich den Aufbau der Stadt und erinnerte an den Tag, an dem Calai und damit Doryu gegründet worden war, wenngleich das bereits knapp 6000 Jahre zurücklag.
Die Schüler der SoMM hatten an diesem Tag frei, sodass die vier Freunde Caedmon, Garth, Lenora und Jane ein wenig gelangweilt auf einer Parkbank saßen und nicht so recht wussten, was sie mit ihrer Freizeit anstellen sollten. Sie alle gingen auf dieselbe Schule, doch damit endeten bereits jegliche Gemeinsamkeiten. Caedmon war ein hoch aufgeschossener, junger Mann und einer der intelligentesten Schüler, die die Schule je gehabt hatte. Verzweifelt versuchte er immer wieder, sein mittellanges, braunes Haar zu bändigen, doch hartnäckig weigerte es sich und wuchs wie es wollte. Caedmon war körperlich etwas schmächtig, was auch daran lag, dass er einer Priesterfamilie entstammte, die mehr Wert auf geistiges Training legte, als sich wie Barbaren zu prügeln, wie sein Vater zu sagen pflegte. Seine Freunde mochten an ihm die Ruhe und Gelassenheit, die er ausstrahlte und niemals schien sein Glaube an das, wofür er eintrat, in irgendeiner Weise nachzulassen. Caedmon war ein durchaus friedfertiger Mensch, gutmütig und für sein Alter erstaunlich weise in manchen Dingen.

Garth entsprach dem typischen Schmiedesohn, vom Scheitel bis zur Sohle. Markantes Gesicht mit haselnußbraunen Augen und einem vorstehenden Kinn, kräftiger Bartbewuchs, eine tiefe Stimme und seine Statur eines Riesen mit monumentalen Schultern und gigantischen Pranken ließen kaum Zweifel an seiner Herkunft. In Calai gab es viele Schmieden, obwohl das eigentliche Handelszentrum viel weiter im Süden lag. Doch die Versorgung der Gilden, der Soldaten des Königs oder einfach Instandsetzungen sorgten für volle Auftragsbücher. Garth war magisch gesehen unglaublich untalentiert, viel mehr waren Hammer, Amboss und das Kämpfen mit Waffen aller Art sein Gebiet. Er entstammte einer der berühmtesten Schmiedefamilien von ganz Calai und wurde in der SoMM vorwiegend in militärischen Taktiken geschult, im bewaffneten Kampf und in der Kriegsführung allgemein. Garth war vielleicht nicht der beste Schmied, den seine Familie je gehabt hatte, aber nichtsdestotrotz war er ein hervorragender Streiter, ein Kämpfer, der bis zum Schluss alles gab. Aus diesen Gründen und wegen des Rufs der Familie hatte er einen Platz an der SoMM bekommen.

Neben Garth nahm sich Lenora fast winzig aus, was jedoch nur ihrer Statur zu verdanken war, nicht aber dem entschlossenen Blick, den sie oft an den Tag legte. Caedmons Vater war nicht nur Priester, er leitete auch eine Art Heim für Kinder, die ihre Eltern verloren hatten oder zurückgelassen worden waren. Lenora hatte man eines Tages vor der Tür des Heims aufgefunden und Caedmons Vater hatte sie aufgenommen, auch weil Caedmon sonst keine Geschwister hatte.
Lenora besaß ein freundliches, offenes Wesen, wenngleich das nicht immer der Fall gewesen war. Denn lange Zeit in ihrer Kindheit war sie von anderen ausgegrenzt worden, aufgrund ihres Äußeren. Ihre Haut beispielsweise war schuppig, ledrig, in keinster Weise menschlich, während die Augen in einem giftigen Grün funkelten. Sie konnte Hitze gut ertragen, Feuer jeder Art machte ihr rein gar nichts aus, doch Kälte bereitete ihr weitaus mehr Probleme, verglichen mit anderen. Für eine Frau war sie zudem überaus robust und zäh, was nicht ganz zu ihrem ansonsten sehr femininem Körper passte. Für Magie hatte sie ebenfalls null Talent, trotzdem konnte sich keiner diese starke Affinität zum Feuer erklären und da sie gefunden worden war und keiner die Eltern kannte, war die allgemeine Meinung bloß, sie sei ein Monster. Es gab zwar Tiermenschen, doch keine dieser Art und sie lebten weit weg außerhalb von Calai in den Marschenlanden, oder auch berüchtigt die Grauzone genannt. Die Leute mieden sie deshalb wie die Pest, was es ihr nicht leicht machte, Freunde zu finden. Doch Caedmon und sein Vater gaben ihr den notwendigen Halt, den sie dringend brauchte. Caedmons Mutter war bei seiner Geburt gestorben und als Lenora zu ihnen kam, sagte sein Vater nur, dass sie wieder heimgekehrt wäre. Sie hatten ihre Mutter verloren, doch die Familie war wieder gewachsen, als sie Lenora aufnahmen. Aus diesem Grund ging Lenora ebenfalls auf die SoMM, wo sie dann Garth und Jane kennenlernte.

Ganz außen saß schließlich Jane, die die vierköpfige Gruppe komplettierte. Von allen Vieren war sie diejenige, die wohl am ängstlichsten und vorsichtigsten war. Stets und ständig machte sie sich Sorgen, mehr um andere als um sich selbst. Jane hatte immer ein offenes Ohr für die Probleme ihrer Freunde und nicht selten auch für die von Fremden oder ihr nicht gut bekannten Personen. Oft half sie ehrenamtlich mit, verteilte Essen an Bedürftige oder half im Stadtkrankenhaus von Calai ein wenig aus. Mit ihren langen, blonden Haaren und dem steten Lächeln auf ihrem Gesicht wirkte sie fast ein bisschen wie ein Engel.

»Bald ist es wieder soweit, nur noch knapp 5 Jahre. Wenn ich nur daran denke, läuft mir ein Schauer über den Rücken«, sagte Caedmon gerade. Die anderen starrten nur geradeaus in die Menge unzähliger, umherwuselnder Menschen und die Stimmung, die eben noch so ausgelassen war, bekam einen bedrückenden Unterton. Als er merkte, dass keiner antwortete, fuhr Caedmon fort: »Ich wünschte, man könnte es ändern, wisst ihr?. Ja, ich wünschte, wir könnten die Geschichte umschreiben und nicht mit diesem Fluch leben.«
Garth sah ihn misstrauisch von der Seite an: »Pass auf was du sagst, Caedmon, oder sie buchten dich ein. Außerdem weißt du genauso wie ich, dass es getan werden muss.«
»Ich stimme Caedmon zu«, sagte Jane plötzlich, wenn auch etwas leise. »Ich finde, wir sollten nicht mehr für die Vergehen unserer Vorfahren büßen müssen. Uns wurde bereits das gesamte Wissen genommen und selbst heute, 5000 Jahre nach dem Ereignis, sind wir noch lange nicht auf dem gleichen Niveau. Nicht zu vergessen den Preis, den sie gezahlt haben, nur damit sie ihre Rache bekamen.«

»Wie war das noch?«, fragte Lenora. »Ein Menschenopfer alle 1000 Jahre, so lauteten die Forderungen, oder?«
»Mensch, da hat aber einer im Unterricht gut aufgepasst«, witzelte Garth und stubste ihr in die Seite, worauf sie protestierend aber eigentlich hilflos auf seinem linken Oberarm einschlug.
»Idiot«, zischte sie mit einem verschlagenen Lächeln.
»Aber die genauen Umstände sind mir auch nicht mehr bekannt«, fuhr sie fort und Caedmon setzte zu einer Erklärung an: »Vor ein paar tausend Jahren lebten in dem heutigen Doryu neben den Menschen auch eine andere Rasse, die Yué. Sie waren den Menschen in jeglicher Hinsicht weit voraus, sei es Technik, Medizin oder Sprache. Die ersten Menschen lernten von ihnen und Seite an Seite lebten Menschen und Yué in Frieden und Eintracht.«
»Bis dieser König an die Macht kam, oder?«, fragte Lenora Caedmon und dieser nickte zur Bestätigung mit dem Kopf.

»Als König Eridan an die Macht kam, wurde die Kluft zwischen Menschen und Yué stets und ständig größer. Überall wurden Meinungen laut, die Yué würden die Menschen hintergehen und planen, sie auszulöschen, weil sie die minderwertigere Rasse wären. Der König hetzte die Menschen gegen die Yué auf und wollte sie vernichten. Die Yué, eigentlich eine friedliche Rasse, wurden in die Ecke gedrängt und erst ganz zum Schluss, als sie keinen anderen Ausweg sahen, schlugen sie zurück und die Menschen erlitten herbe Niederlagen. In seiner Verzweiflung brach Eridan das Siegel eines damals schon uralten Buches. Mit seiner Hilfe rief er die Diener der Hölle und Unterwelt, Dämonen und Untote herbei und vernichtete letztendlich jeden einzelnen Yué. Doch der Preis für diese Hilfe war enorm. Die Untoten forderten das gesamte Wissen der Menschheit, sodass sie verdammt waren, alles nochmal zu erforschen, zu erlernen. Man könnte auch sagen, dass tausende Jahre völlig umsonst gewesen waren. Die Dämonen hingegen forderten alle tausend Jahre ein Menschenopfer, sonst würden sie Doryu überrennen und dem Erdboden gleichmachen. In den alten Büchern heißt es, dass der ausgewählte Mensch ein bestimmtes Zeichen auf dem Körper trägt, welches ihn als Opfergabe kennzeichnet. Außerdem soll das Opfer der Mensch mit dem größten Herzen sein, aber da sind sich die Überlieferer uneinig.«
»Eine traurige Geschichte, findet ihr nicht?«, fragte Jane in die Runde.

»Würdest du lieber unsere Welt in Flammen aufgehen sehen, Jane? Ein Leben im Tausch gegen alles andere. Unsere Freunde, Familie, Bekannte. Alles nur, weil man nicht bereit ist, ein einziges Leben dafür zu opfern?«
Garth schüttelte nur den Kopf als er fertig war.
»Nein, das kann nicht dein Ernst sein. Ich bin selbst nicht davon begeistert, aber haben wir eine Wahl? Was ist ein Menschenleben im Vergleich zum gesamten Rest der Welt?«
Jane betrachtete ihn lange Zeit und antwortete dann: »Und was wenn einer von uns das Opfer wäre? Würdest du dann immer noch bei deiner Meinung bleiben und uns einfach kaltblütig ausliefern, oder würdest du kämpfen, so wie Morcar und Croix es taten vor 1000 Jahren, als Elie geopfert wurde? Sag mir, Garth, wie würdest du dich entscheiden?«
Dieser blickte nur zu Boden und schwieg, bis er ihr schließlich nach einiger Zeit eine Antwort gab: »Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht, Jane. Aber ich könnte euch niemals aufgeben, dessen bin ich mir bewußt, deshalb sind wir Freunde. Trotzdem halte ich an den Regeln fest. Ich will diese Welt nicht aufgeben, nur um eine einzelne Person zu retten.«
Lenora stand auf und schaute mit einem Lächeln in die Runde. »Ich finde, wir sollten an so einem Tag uns nicht die Stimmung vermiesen und über belanglose Dinge streiten.«
»Belanglos?«, schrien die anderen wie aus einem Mund.
»Ach, nun kommt schon, ihr wisst wie ich das meine. Es sind noch gut 5 Jahre hin und ihr zerbrecht euch jetzt schon wieder den Kopf. Nutzen wir den Tag doch zu einem kleinen Ausflug in das Umland, was meint ihr?«
»Dein Ernst?«, echote Garth.
»Ja, Holzkopf, ist mein voller Ernst.«
Garth schaute schmunzelnd zu Caedmon. »Irgendwann werde ich sie … Naja du weißt schon.«
Der schaute ihn nur mit hochgezogener Augenbraue an: »Pass lieber auf, dass das nicht nach hinten losgeht und sie dich durch die Mangel nimmt, alter Freund«, wobei er in schallendes Gelächter verfiel, sehr zum Ärger von Garth, der sich in seiner Männlichkeit gekränkt sah.
Immer noch lachend stubste Caedmon ihn an: »Nun komm schon, war doch nur ein Scherz. Also dann, ich bin für Lenoras Vorschlag, packen wir es an?«
Jane stand ebenfalls auf und massierte ihren zierlichen Arm, der eingeschlafen war: »Warum nicht, Garth kann hier ja alleine warten, wenn er nicht will« und schnitt eine Grimasse.
Dieser hob die Hände wie zur Niederlage nach oben. »Schon gut Leute, überredet. Machen wir 'nen kleinen Ausflug!«
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#5
Lang ist's her, seit ich den Text gelesen hab, doch jetzt möcht ich mal ein Feedback von mir lassen, da ich selbst weiß wie schwer es sein kann, Geschichten ordentlich zu schreiben^^

Erstmal der Gesamteinruck :
Shagon, ich mag deinen Text und die Art, wie du verfasst, schon ziemlich gern :P
Man sieht an den detailierten Beschreibungen der Stadt und deiner Hauptcharaktere, dass du dir Mühe gibst, die deine Ideen an den Leser zu bringen, und vor allem, dass du dir Gedanken um eine möglichst authentische Geschichte /Plot machst (ist oftmals gar nicht so leicht).

Dazu muss ich zugeben, dass ich viele der benutzten Namen noch nie gehört hab, was sehr gut ist, weil man die Personen somit nicht ständig mit andren Geschichten in Verbindung bringt :

Croix, Morcar, Elie : Keiner davon kommt MIR bekannt vor, und wie bereits gesagt mag ich "Elie" sehr gern^^ Croix wird von mir nun wie der Anfang "Croissant" ausgesprochen ! Ohh ja.

Die Namen der "Neuen" :
Garth : Erinnert mich an Gar- et Lachen Aber in einem GS-Forum, kein Wunder
Ceadmon : Holy cow. Wie zu Hölle bist du darauf gekommen ?^^ Das würde ich echt gerne wissen, daher beantrage ich hiermit offiziell eine Antwort.
Lenora : Könnte man schon gehört haben, erinnert mich aber an keinen spezifischen Charakter^^ Gruseligerweise erinnert mich der Name an Fable - The lost chapters, aber das geht mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf
Jane : Huch... kann man sich denken^^ Alle bekommen solche abgefahrenen Namen (außer Lenora und Jane, arme Mädels :P ), aber du wirst dir hierbei schon was gedacht haben

Weiterhin interessiert mich, wie du :
- die Story von den drei "Alten" und den vier "Neuen" verbindest, also, ob manche Kapitel als Rückblenden für die Zeit um Jahr 4999 fungieren, oder andersweitig Bezug auf die Vorgeschichte genommen wird.
Hierbei wäre es dazu gut zu erfahren, woher die 4 "heute" von den Ereignissen von damals wissen - wie wurde es überliefert ? All sowas
- zweitens, was aus der Story wird. Bisher deutet ja viel darauf hin, dass das "Opfer" eines von unseren 4 Schnuckelchens wird. Einen gewissen Gewissenskonflikt, den Garth hat, einzubauen
Garth sagte, nicht schrieb:Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht, Jane. Aber ich könnte euch niemals aufgeben, dessen bin ich mir bewußt, deshalb sind wir Freunde. Trotzdem halte ich an den Regeln fest. Ich will diese Welt nicht aufgeben, nur um eine einzelne Person zu retten.
wäre oder ist , sofern du es in Betracht ziehst, natürlich clever^^

Das ist eigentlich zu wenig Rückmeldung für einen so schön langen Text, aber ich bin eben unfähig :x Ironie
Nun, ich bin gespannt, was draus wird, also enttäusch dein Publikum nicht zu herb Smile
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#6
Die meisten Namen bilde ich nach einem geheimen Geheimrezept, weswegen sie manchmal zwar komisch klingen, aber den von dir bereits genannten Vorteil mit sich bringen, unbekannt zu sein, zumindest meistens.
Caedmon heißt der übrigens, nicht Ceadmon :P
Wie bereits erwähnt, habe ich in letzter Zeit Romane von Rebecca Gablé gelesen. Historische Romane um genau zu sein. Thematisiert wird oft das mittelalterliche England und Teile Nordfrankreichs. Caedmon ist eine Figur in einem ihrer Romane und ich mochte den Namen auf Anhieb, deswegen habe ich ihn ausgewählt. Die Bücher von ihr kann ich nur empfehlen, falls dir "Die Säulen der Erde" von K.Follett etwas sagt, schlag zu! Lachen
Viel Geschichtswissen umwoben von einer meist mitreißenden Handlung.

Rückblenden werden auf jeden Fall dabei sein, wobei beide Gruppen eine wichtige Rolle spielen. Bezug auf die Vorgeschichte wird es auch geben, ich muss nur aufpassen, nicht zuviel zu verraten. Um der Entwirrung Willen aber ja, Rückblenden sind drin.

Ach ja, der gute Garth. Zugegeben, der Konflikt ist schwach dargestellt, funktioniert aber so. Immerhin ist noch offen, wen es treffen wird, vielleicht sogar ihn selber? Wer weiß, wer weiß ^^

Bleibt mir nichts weiter als wieder mal Danke für deine Rückmeldung zu sagen Smile
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#7
Meine Güte, die Zeit, sie rennt. Glücklicherweise bin ich grade in der Abiturvorbereitungsphase und hab dementsprechend viel Zeit *hust* Lachen
Hier geht's wieder weiter:

Die Gruppe hatte sich also zunächst getrennt, damit jeder seine sieben Sachen zusammensuchen konnte. Ungefähr eine halbe Stunde später trafen sich alle am Haupttor Calais wieder.
»Mensch Garth, musst du immer deinen dämlichen Hammer mit herumschleppen«, sagte Lenora leicht gereizt.
Der schaute sie nur missbilligend an: »Du weißt nie, was alles passieren kann. Und zur Not hab' ich meinen Kleinen halt lieber dabei, reine Vorsichtsmaßnahme.«
»Deinen Kleinen? Schlaft ihr jetzt schon miteinander, oder was?«, fragte sie lachend und amüsierte sich sehr auf Garths Kosten, der aus unerklärlichen Gründen anfing wie eine Tomate zu leuchten.
Caedmon und Jane standen derweil weiter abseits und studierten eine Karte, um ihre Route zu planen.
»Seid ihr bald fertig? Dann könnten wir nämlich endlich losgehen«, beschwerte sich Caedmon, als er die Details mit Jane besprochen hatte.
»Ja, regt euch nicht auf. Wohin geht’s eigentlich, wenn ich fragen darf?«, wollte Lenora stattdessen wissen.
»Wir gehen Richtung Norden, Caedmons Familie besitzt eine kleine Hütte oben in den Bergen. Außerdem habe ich vorhin den Herrn Direktor getroffen und erfahren, dass wir noch ein paar Tage länger frei haben werden. Also dachte ich mir, wir verbringen dort ein bisschen Zeit.«
»Klingt gut, Jane.«
Caedmon runzelte die Stirn. »Ich hoffe, dass die Hütte einigermaßen intakt ist, wir waren schon lange nicht mehr dort. Mein Vater arbeitet praktisch Tag und Nacht und wenn er sich mal eine Pause gönnt, dann bleibt er nur zu Hause und trauert vergangenen Zeiten hinterher.«
Garth schaute ihn eindringlich an: »Dein Vater hat mehr durchgemacht, als die meisten anderen. Vielleicht solltest du mit ihm nicht so hart ins Gericht gehen.«
Lenora war bereits vorgegangen und rief nur hinterher: »Bevor wir hier Wurzeln schlagen, würde ich sagen, dass wir wirklich endlich losgehen. Außerdem bin ich auf die Hütte gespannt, also los jetzt!«
Garths Gesichtsausdruck war entgeisterter, fassungsloser Natur. »Ist sie jetzt der Chef, oder wie?«
»Sieht so aus«, antwortete Caedmon und Jane fügte grinsend hinzu: »Chefin, bitte. Soviel Zeit muss sein.«

Die Straße in den Norden bedurfte dringend einer Reparatur, doch anscheinend fehlte dem König das nötige Geld. Nach dem, was man so hörte, waren dafür vor allem Missernten und Probleme mit der Stadt Kutama, dem Handelsherz Doryus, verantwortlich. Böse Zungen behaupteten jedoch auch, dass diese Probleme den König nicht davon abhalten würden, prunkvolle Feste abzuhalten und ein Leben in Saus und Braus zu führen.
So stolperten sie mehr vorwärts, als das sie gingen, aber die gute Laune konnte ihnen nichts verderben. Jetzt am späten Nachmittag brannte die Sonne nicht mehr ganz so stark, angenehm warm war es trotzdem noch. Der Norden war mehr oder weniger berühmt dafür, völlig unbeachtet links liegen gelassen zu werden. Der Boden war unfruchtbar, sodass man hier nichts anbauen konnte. Die Gegend war nicht unbedingt lebensfreundlich und außerdem regnete es hier unwahrscheinlich oft und viel, selbst im Sommer. Und doch: Wohin man auch blickte, man sah riesige Grünflächen mit saftigem Gras, das sich sanft im Wind wiegte, Schatten spendende Wälder und am Horizont ganz weit im Norden konnte man erste Ansätze einer gigantischen Bergkette erahnen. Die Gegend war malerisch, ein Fleckchen purer Natur und für die Freunde eine willkommene Abwechslung zum Stadtchaos, das sonst allgegenwärtig war.
»Gegen Abend sollten wir da sein«, antwortete Caedmon gerade auf Janes Frage, wann sie die Hütte erreichen würden.
Garth hatte zu Lenora aufgeschlossen und augenscheinlich waren die beiden wieder in eine leidenschaftliche Diskussion vertieft, die man gemeinhin auch als Streit bezeichnete.
»Sie können nicht voneinander lassen, was?«, sagte Jane, als sie die beiden eine Weile beobachtet hatte.

Caedmon schmunzelte nur. »Garth würde es nie im Leben zugeben, aber er hängt an Lenora, auf seine Weise. In beiden schlägt das Herz eines Kämpfers und er schätzt das an ihr. Beide sind wirklich Dickköpfe und egal was kommt, sie beißen sich durch. So gesehen ist es nicht so erstaunlich, dass Garth und Lenora gut miteinander auskommen, immerhin sind sie sich recht ähnlich.«
»Willst du damit etwa sagen, dass Lenora keine weibliche Seite hat?. Ich meine, sieh sie dir nur mal an, oder schaust du da nie genauer hin, hm?«, neckte sie ihn.
»Was soll das denn jetzt wieder heißen? Nein, ich meinte eigentlich, dass … ach, egal«, antwortete Caedmon in gespielter Entrüstung, schwang theatralisch seine Arme nach oben und stieß schließlich ein herzhaftes Lachen aus, weil Jane ihn so einfach in Verlegenheit hatte bringen können. Beide legten einen Zahn zu, um die beiden Vorreiter einzuholen.
Mittlerweile war die Sonne am Horizont wie festgenagelt und schickte ihre goldenen Strahlen über das Land. Sie standen auf einem kleineren Hügel und genossen den Anfang eines wunderschönen Sonnenuntergangs, wie man ihn nur hier draußen genießen konnte. Die sengende Hitze des Tages war verschwunden und eine leichte, aber dennoch erfrischende Kühle sorgte für ideale Wanderverhältnisse, damit die Truppe die letzte Etappe hinter sich bringen konnte.

Zugegebenermaßen hatte sich Caedmon etwas verschätzt. Es war bereits früh am Abend und doch war noch ein gutes Stück Weg vor ihnen, auch weil sie die ein oder andere Pause mehr machen mussten. Im flackernden Schein ihrer Fackeln wirkte der ohnehin schon düstere Wald, den sie gerade durchquerten, noch unheimlicher. Caedmon führte die kleine Truppe jetzt an, dich gefolgt von Jane. Ein wenig versetzt schlich Lenora ihr geschmeidig wie Katze hinterher und Garth bildete schließlich das Ende des kleinen Trupps.
»Je eher wir hier rauskommen, desto besser. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich wohl fühle«, meinte Jane.
Caedmon drehte den Kopf halb zur Seite. »Keine Angst, so weit im Norden dürfte man kaum etwas finden, wovor man Angst haben müsste. Ich denke wir haben es bald ge ...«
Ein unterdrücktes Keuchen war zu hören und als Jane nach vorne eilte, sah sie, warum Caedmons Blick voller Schrecken war. Unmittelbar in der Bauchmitte hatte sich ein kleiner, aber tödlich spitzer Pfeil in das Fleisch gebohrt. Die Wucht hatte ihn nicht umgeworfen, dennoch taumelte er ein, zwei Schritte nach hinten. Caedmon sackte zusammen und unterdrückte mühsam Schmerzensschreie mit zusammengebissenen Zähnen, während er in einer krampfartigen Haltung sich den Bauch hielt. »Nicht rausziehen, nicht, Caedmon«, warnte Jane ihn hysterisch und verhinderte, dass er die Wunde noch vergrößerte.
Garth und Lenora hatten nach einem Schockmoment schließlich aufgeschlossen und bildeten einen schützenden Halbkreis um Caedmon so gut sie konnten, was im Endeffekt hieß, so wie sie es an der SoMM gelernt hatten. »Siehst du Caedmon, ich hab dir ja gesagt, dass man nie wissen kann«, scherzte Garth trocken, doch seine Augen spiegelten dieselbe Furcht wieder, die auch in Janes und Lenoras Augen glomm.

Während Jane hastig und verzweifelt ein paar Bandagen und Arzneien aus ihrem Rucksack holte, spähten Garth und Lenora angestrengt in die Dunkelheit und versuchten auszumachen, woher der Schuss gekommen war – ein Ding der Unmöglichkeit, war es doch inwzischen fast stockfinster und der Schein ihrer Fackeln erhellte nur die unmittelbare Umgebung.
Plötzlich hörten sie wieder dieses tückische Zischen und abermals traf ein Pfeil sein Ziel, diesmal Garths Obeschenkel, dessen Antwort einzig und allein darin bestand, den Pfeil rauszureißen und wutentbrannt in die stille Finsternis zu feuern.
»Wer zum Teufel schießt da auf uns, zeigt euch!«
Die Antwort blieb aus, zunächst. Dann passierte alles ganz schnell. Wieder sausten Pfeile heran, diesmal ein gutes Dutzend, außerdem konnte Garth noch ausmachen, wie mehrere Männer in dreckigen, abgewetzten Kleidern aus dem Wald sprangen, bevor er mit einer Keule von hinten bewusstlos geschlagen wurde. Sklavenhändler, hier? war das letzte, was er dachte. Dann kippte er nach vorne und es wurde dunkel um ihn.

Garths Geist wanderte umher. Wohin, das vermochte er nicht zu sagen, doch spürte er seinen Körper nicht. Nicht mehr jedenfalls. Ein Zustand völliger Schwerelosigkeit. So sehr er sich auch anstrengte, kein Muskel wollte gehorchen. Trübe und verschwommen öffneten sich seine Augen nach einiger Zeit, die ihm so quälend lang vorkam, dass er für einen Augenblick überlegte, sie einfach geschlossen zu lassen. Etwas bewegte sich in seinem Blickfeld. Ein Mensch? Nein, nicht etwas, er selbst, der Boden bewegte sich. Warum waren sie hier, was war passiert? Im selben Moment, als er versuchte zu denken, explodierte etwas in seinem Schädel und ließ ihn Millionen kleiner funkelnder Sterne vor Augen sehen. Erschöpft gab er sich der Erholung versprechenden Versuchung hin die Augen einfach geschlossen zu halten. Der Kopf wurde leichter, immer leichter und irgendwann verlor Garth wieder das Bewusstsein und spürte nicht mehr, wie sein Kopf mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlug.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Garth mit einigermaßen klarem Kopf zu sich kam. Der schaukelnde Boden rührte von dem Wagen her, auf dem er festsaß. Garth vernahm schwache, unregelmäßige Atemzüge und als er seinen Kopf nach rechts drehte, konnte er seinen Augen nicht traufen. »Caedmon, Caedmon!«, hustete er und robbte auf ihn zu. Dort angekommen untersuchte er sofort, ob sein Freund in Lebensgefahr schwebte. Blut oder äußere, schwere Verwundungen konnte er nicht ausfindig machen, doch als Garth Caedmon ansprechen wollte und dessen Kopf vorsichtg anhob, bemerkte er ein fiebriges Glänzen in dessen Augen.

Caedmon schien ihn nicht richtig wahrzunehmen und sein Blick wanderte ziellos umher, gefangen irgendwo zwischen Fantasie und Realität.
Garth konnte durch die Eisenstäbe hindurch erkennen, wie bereits der Morgen graute, doch noch war es verhältnismäßig dunkel. Der Wagen besaß eine Wölbung und war nach oben und zu den Seiten vollkommen verschlossen. Dicke Eisenstäbe nach hinten raus verhinderten, dass die Gefangenen allzu leicht ausbrechen konnte, außerdem stellte Garth mit einem leichten Klopfen fest, dass die Wände aus Massivholz waren.
Sklavenhändler, er konnte es immer noch nicht fassen. Er hatte Gerüchte gehört, aber die platzierten dieses Pack immer weit im Süden und im Gebiet rund um die Marschenlanden. Der König hatte außerdem vor kurzer Zeit feierlich verkündet, die Gefahr gebannt zu haben. So irrt man sich, dachte er resigniert und lehnte sich an die Holzwand an, mit Blick auf den dürren Pfad, auf dem sie unfreiwillig unterwegs waren.
"Englisch mag die Sprache der Welt sein, aber Deutsch ist die Sprache des Herzens." -- Jawoll.
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#8
Und wieder mal was. Hoffe, den eifrigen Lesern - sofern vorhanden - mundet es nachwievor Lachen

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»Hey Caedmon, bist du wach?«
»Ja, Garth. Aber ob ich physisch anwesend bin, ist eine andere Frage. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie Brei.«
Garth starrte ihn eine Weile lang mit angsterfüllten Augen an, denn er machte sich große Sorgen. Nicht nur um Caedmon, sondern vor allem um die anderen beiden. Wie Sklavenhändler mit Frauen verfuhren, war Allgemein bekannt und er hatte einige hässliche Gerüchte gehört, die seine Befürchtungen begründeten. Garth war nicht gläubig, dennoch sandte er ein kurzes Stoßgebet zum Himmel und bat um die Unversehrtheit von Lenora und Jane.
»Ich schätze mal, sie haben mir ein starkes Gift verabreicht«, sagte Caedmon plötzlich.

»Kann sein. Ich erinnere mich noch daran, dass sie dich mit irgendetwas beschossen haben. Einem Pfeil, gaube ich.«
Caedmon seufzte. »Ich hoffe, dass es Jane und Lenora gut geht. Aber da uns Sklavenhändler in ihrer Gewalt haben, befürchte ich das Schlimmste.«
»Was glaubst du, wo wir grade sind, Garth?«
»Ich bin mir nicht sicher, aber soweit ich weiß, treiben sich Sklavenhändler wie alle Gesetzlosen in den Marschenladen rum, deswegen würde ich sagen, dass wir uns dort befinden. Oder zumindest auf dem Weg dorthin. Die Marschenlanden sind doch auch das Territorium der Tiermenschen, oder?«
»Genau, auch wenn kaum einer weiß, wie sie dort leben. Der Kontakt ist schon seit Jahrzehnten abgebrochen, seitdem Morcar sich als erster Tiermensch zu einem Menschen, nämlich zu Croix, bekannt hat.«
»Kleiner Streber«, neckte Garth ihn lächelnd und Caedmon grinste schwach zurück, dankbar für diesen kleinen Aufmunterungsversuch.
»Wie auch immer, wir müssen hier raus. Aber wie? Ich könnte versuchen, die Stäbe irgendwie zu verbiegen, oder sogar durchzubrechen.«

»An deiner Stelle würde ich das bleiben lassen, oder willst du lieber einen Arm verlieren? Würde zwar deinen Wert vermindern, aber machbar ist alles«, sagte plötzlich eine bedrohlich klingende Stimme.
Hinter ihrem Wagen war wie aus dem Nichts einer der Sklavenhändler aufgetaucht und starrte die beiden mit verschlagenen Augen an. Der hielt in seiner Rechten einen langen, dünnen Krummdolch, dessen Klingenspitze blutbesudelt war.
»Habt ihr Maden mich überhaupt verstanden? Geht zurück an die ...«
Von einer Sekunde auf die andere ragten dem Sklavenhändler fast ein Dutzend Pfeile aus der Mundöffnung. Das Gesicht schmerzverzerrt taumelte er nach vorne und spukte einen Blutschwall ins Innere des Wagens. Dann klappte er zusammen und blieb an dem Wagen hängen, während dieser ungebremst weiterfuhr und die noch zuckende Leiche hinter sich herzog.

Wenige Augenblicke später waren von vorne Schreie zu hören, das Surren von Pfeilen, ein, zwei Schwerthiebe, dann war alles vorbei. Übrig blieben nur vereinzelte Stöhngeräusche, die von Schwerthieben jäh beendet wurden.
»Die Bastarde haben wir drangekriegt«, konnte Garth vernehmen, während er gebannt mit klopfendem Herzen nach draußen spähte.
»Was ... was ist los?«, stammelte Caedmon, dessen Zustand sich plötzlich wieder verschlechtert hatte.
»Ich glaube, dass wir gerade unerwartet Hilfe bekommen haben. Zumindest hoffe ich das.«
»Schau nach, ob sie da drin sind, schnell. Bevor noch mehr kommen«, hörte er eine weibliche Stimme sagen.
Urplötzlich tauchte in seinem Gesichtsfeld ein gigantischer Stierkopf auf, der ihn mit leuchtend gelben Augen zuerst fixierte und dann mit seinem Blick durchbohrte.
»Sie sind nicht hier, wieder Pech gehabt«, brummte der Stier, als er den Innenraum kurz inspeziert hatte.

Garth hatte viele Kämpfer, Streiter und Soldaten gesehen, die alle irgendwo eine Aura ausstrahlten, aber die Präsenz, die von diesem Tiermenschen ausging, war so gewaltig, dass sie ihn zu überwältigen drohte. Er schwitzte und verkrampfte, während er sich, so weit es ging, in den Wagen zurückzog und Caedmon dabei hastig mitschleppte. Instinktiv manövrierte er ihn hinter sich und ballte seine Hände zu Fäusten.
Die Reaktion des Tiermenschen verwunderte ihn nur noch mehr: Er fing an zu grinsen.
»Na, mache ich dir Angst, Junge?« grollte er mit bebender Stimme.
Kann man wohl sagen, dachte Garth schwitzend, machte aber keine Anstalten, auf seine Frage zu antworten.
Der Tiermensch packte die gelenkgroßen Eisenstäbe und riss sie mit einem kräftigen Ruck heraus, als wären sie aus trockenem Holz.
»Hmph, ihr seid frei. Besser ihr verschwindet jetzt von hier, Menschen«, wobei das Wort Menschen einen leicht verächtlichen Unterton hatte. Dann wandte er sich zum Gehen.
Garth war immer noch völlig perplex.
Betäubt stolperte er aus dem Wagen und schlug der Länge nach hin. Sofort rappelte er sich wieder auf und holte eiligst Caedmon nach.
»Wir, mein Freund meine ich, er braucht dringend Hilfe, bitte! Die Sklavenhändler haben ihn wahrscheinlich vergiftet aber ich kenne mich mit Gegenmitteln nicht aus, bitte helft uns!«, bat er mit Nachdruck.
»Nicht unser Problem, Mensch«, war alles, was der Stier zu sagen hatte, während er, Garth den Rücken zugewandt, sich vom Wagen entfernte.
»Ihr habt uns doch schon aus dem Wagen befreit, wollt ihr uns jetzt einfach so zurücklassen?«
Schneller, als Garth es ihm je zugetraut hätte, kam der Stier auf ihn zugerannt und blieb so dicht vor seinem Gesicht stehen, dass er dessen heißen Atem spüren konnte.
»Was glaubst du, wer du bist, Mensch? Ich könnte euch hier und jetzt auf der Stelle töten ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Wir haben euch nicht aus Nächstenliebe gerettet, eigentlich hatten wir jemanden anderen in dem Wagen erwartet. Das ist alles. Ob dein Freund lebt oder stirbt, ist mir herzlich egal.«

Garth konnte es nicht fassen. Er hatte geglaubt, dass diese Tiermenschen ihnen aus Güte geholfen hatten, aber er hatte sich getäuscht. In den Augen des Stiers konnte er Hass und Wut so deutlich erkennen, dass er unwillkürlich fröstelte, auch wenn er es nicht begreifen konnte. Wenn es keinen Kontakt gab, warum loderte dann dieser Hass ihn ihm?
»Wen habt ihr denn erwartet?«, fragte er stattdessen und versuchte, auf den Tiermenschen zuzugehen.
»Geht dich nen feuchten Dreck an, Mensch.«
»Du solltest vielleicht etwas freundlicher sein, sie sind nicht wie die anderen und das weißt du auch.«
Die weibliche Stimme, die Garth vorhin vernommen hatte, wurde jetzt lauter und schließlich konnte er eine zierliche Person ausmachen, war jedoch von den morgendlichen Sonnenstrahlen so geblendet, dass er außer einem groben Umriss nicht viel erkennen konnte.

Plötzlich zuckte die Frau zusammen. »Was ist?«, fragte der Stier sofort.
»Mist, es kommen noch mehr. Scheinbar war es eine Falle. Sie haben die beiden hier benutzt, um uns herauszulocken!«, fluchte sie.
Der Stier packte Garth am Kragen und riss ihn abrupt in die Höhe.
»Raus mit der Sprache, steckt ihr mit den Sklavenhändlern unter einer Decke, hm? Ich schwöre, dass ich dir sämtliche Knochen breche, wenn dem so ist, Mensch«, spuckte er aus.
Die Frau unterbrach ihn. »Wir haben keine Zeit für sowas, ein paar Minuten noch, dann werden sie hier sein«, sagte sie während sie ihre flache Hand dicht auf den Boden gepresst hielt.
Grummelnd ließ der Stier von Garth ab, der unsanft zu Boden fiel.
»Wie viele?«
Es sah so aus, als ob die Frau lauschen würde. Die Augen geschlossen, das Gesicht voller Konzentration.
»Sieben, nein warte. Einer kommt als Nachhut. Acht sind es.«
»Arh, verdammt«, brüllte der Stier.
»Sollen wir es riskieren?«, fragte die Frau zögerlich.
Der Stier warf einen abschätzenden Blick auf Garth.
»Kannst du kämpfen, Mensch?«, grollte er.
»Sicher kann ich das!«, antwortete Garth mit neu gewonnenem Mut und der leisen Hoffnung, diesen Tiermenschen doch noch umstimmen zu können.
»Ist das deine Waffe, Mensch?«, wollte die Frau wissen, während sie einen mittelgroßen Einhandhammer in der Hand hielt, scheinbar mühelos.
Garth hatte keine Zeit darüber nachzudenken warum sie den Hammer wie ein Streichholz locker leicht hielt und nickte einfach nur.
Augenblicklich warf sie ihm den Hammer zu und Garth fing ihn mit einem Keuchen auf. Was für eine Mordskraft! Und sie ist eine Frau, dachte er mit leichtem Entsetzen.

»Du, Mensch. Bring deinen Freund dort hinter dem Baum in Sicherheit. Sie werden aus der Richtung kommen, in die der Wagen unterwegs war. Wenn er still bleibt, bemerken sie ihn nicht«, wies sie Garth mit freundlichem aber gebieterrischen Tonfall an.
Der machte sich auf der Stelle daran, hob Caedmon sanft hoch und trug ihn in Windeseile den Weg zurück und setzte ihn wie befohlen hinter einem dicken Baum ab. Mit einer Träne im Auge drückte er Caedmons Hand als er in das weiche Moos neben dem Baum gebettet hatte. »Wir schaffen das schon. Halte durch, hörst du? Halte durch!«
Caedmons Gesicht war kreidebleich und er fieberte wieder, deutlich erkennbar an den strömenden Massen an Schweißperlen, die sein Gesicht wässrig erscheinen ließen. Bitte Atama, lass ihn nicht sterben. Nicht hier, nicht jetzt!, dachte Garth flehend, während er das kleine Stück zurücklief.
Die Frau starrte ihn mit vorwurfsvoller Miene an. »Wo warst du so lange, Mensch?«, zischte sie wütend.
»Ich wollte mich nur vergewissern, dass es ihm auch wirklich gut geht«, entschuldigte sich Garth hastig und hob den Hammer auf, den er dagelassen hatte.

Der Stier hatte derweil den Wagen auf die Seite geworfen, sodass sie jetzt verdeckt hinter dem Wagen kauerten. Erst jetzt hatte Garth Zeit, die Frau genauer zu betrachten. Auffallend war ihre schmale Statur und winzige Körperbau, gleichzeitig strahlte sie eine unglaubliche Lebhaftigkeit aus und machte auf ihn einen sehr agilen Eindruck. Ihr Gesicht erinnerte ihn an das einer Raubkatze, nur mit deutlich mehr Anteilen an menschlichen Zügen und es faszinierte ihn. Alles wirkte so eben und gleichmäßig an ihr, es war unglaublich und nie zuvor hatte er etwas vergleichbares gesehen.
Ob sie etwas besonderes in ihrem Volk ist?, fragte er sich gerade, wurde jedoch vom Gebrüll anrückender Sklavenhändler aus seinen Gedanken gerissen.

»Still jetzt«, zischte sie während sie einen kleinen Bogen spannte und drei Pfeile in die Sehne legte.
Drei Pfeile auf einmal, was zum Teufel?, dachte er kurz, doch ein kleiner Ruck des Stieres holte ihn schon wieder zurück. Der Blick war mahnend und in seinem Augen konnte er lesen, dass er sich konzentrieren solle. Garth zitterte am ganzen Körper; Angst, Anspannung, Erregung – alles konzentrierte sich zu einem wahren Gefühlsgewitter.
Klar, kämpfen hatte er gelernt. Doch immer waren die Gegner Freunde, Lehrer oder Dritte gewesen und es ging nur ums Training. Jetzt kauerte er mit zwei Tiermenschen hinter einem Wagen und nicht mal zwanzig Schritt hinter ihnen setzten bereits die ersten Sklavenhändler ab, zu allem bereit.
Es waren genau sieben, wie die katzenhafte Dame gesagt hatte. Sie waren mit Pferden gekommen und saßen nun ab. Die Pferde keuchten vor Erschöpfung und Schaum tropfte aus ihren Mäulern. Garth konnte Schritte vernehmen. Vorsichtige Schritte, die auf der Hut wahren.
Der Stier umklammerte mit der einen Hand sein riesiges Fallbeil, mit der anderen Hand zählte er von fünf auf eins herunter. Als der letzte Finger unten war, sprangen beide plötzlich mit lauten Gebrüll aus der Deckung und Garth, der für den Bruchteil einer Sekunde erstarrt war, zog nach und sprang ebenfalls auf.

Alles verlief wie in Zeitlupe. Der Stier stürmte unter tosendem Gebrüll nach vorne auf die erste Dreiergruppe, während die Frau eine Salve auf zwei noch im Sattel sitzende Sklavenhändler abgab. Die Pfeile trafen ihr Ziel, für so einen kleinen Bogen mit erstaunlicher Wucht. Der eine Pfeil ging dem einen gradewegs durch den Hals, er stürzte zu Boden und war sofort tot. Der zweite hatte mehr Glück, denn ihn hatte nur ein Pfeil erwischt, nichtsdestotrotz hob auch ihn die Wucht aus dem Sattel und schwer getroffen stürzte er ebenfalls auf den Boden.
Unterdessen wütete der Stier wie ein Beserker, holte nach links aus, hieb nach rechts, machte einen Ausfallschritt nach vorn. Von den dreien war nur noch einer übrig. Die anderen zwei waren bereits tot, einen hatte der Stier enthauptet, den anderen in zwei Hälften geteilt. Das Blut spritzte in hohen Fontänen und der Stier war bereits blutbesudelt von oben bis unten. Ebengrade hatte er den dritten Sklavenhändler zu fassen bekommen und brach ihm mit der stumpfen Seite seines Beils das Genickt, wie lautes Knacken und der verstummte Schmerzensschrei bewies. Blieben noch fünf übrig, doch der Überraschungsmoment war vorbei.

Zwei trugen ebenfalls Bögen, zwei weitere dickere Lederrüstungen und lange Speere und der letzte, wahrscheinlich der Anführer, wartete mit einer dicken Kettenrüstung und einem funkelnden Morgenstern, sowie einem hölzernen Rundschild auf.
Garth schloss zu dem Stier auf und machte sich kampfbereit. Ohne Zögern stürmten die Fünf auf ihn und die anderen beiden zu. Garth wich einem der Speerträger aus, hangelte sich an dem Schaft entlang und zertrümmerte mit einem seitlichen Hieb die rechte Gesichtshälfte seines Gegners.

Der Stier hatte in dem Anführer einen zumindest halbwegs ebenbürtigen Gegner gefunden. Dessen Schild hatte bereits ordentlich was abbekommen, doch sein Träger lebte noch und kämpfte verbissen weiter.
Doch plötzlich sah Garth mit Schrecken wie einer der Bogenschützen auf den Stier zielte, dieser ihn jedoch nicht mehr wahrnahm.
»Pass auf, der Schütze!«, brüllte Garth und schmiss sich in vollem Lauf in die Schussrichtung des Pfeils, den der Schütze soeben abfeuerte. Noch im Flug traf in der Pfeil genau in den empfindlichen Unterleib und Garth stürzte mit einem grausamen Aufschrei zu Boden.
Der Schütze bezahlte indes mit seinem Leben, als ihn seinerseits drei Pfeile in Kopfhöhe durchsiebten. Wutenbrannt und mit neuem Eifer angefacht stürmte der Stier nach vorn und brachte den Anführer durch einen kraftvollen Tritt aus dem Gleichgewicht. Er strauchelte und fiel schließlich rücklings hin. Diesen kleinen Zeitvorteil nutzte der Stier um zum zweiten Bogenschützen vorzudringen. Dessen Gesicht war angsterfüllt und seine Augen flehten um Gnade. Dieser Ausdruck blieb bestehen, als der Stier den Kopf sauber vom Rumpf abtrennte und selbiger mit erstarrter Fratze über das Gras kullerte.
Der verbliebene Speerträger hatte sich derweil die Frau mit Katzengesicht zum Ziel gemacht. Vergeblich stocherte er mit dem Speer umher, versuchte es mit schnellen und kraftvollen Hieben, doch sie wich immer elegant aus. Inzwischen keuchte er und die Erschöpfung war ihm anzusehen. Er legte seine ganze Kraft in eine letzte Finte, doch sie durchschaute sie rechtzeitig, wich abermals aus, tauchte unter dem Schlag ab und tänzelte ein, zwei Schritt nach hinten. Blitzschnell legte sie an und schoss dem verdutzten Speerträger genau zwischen die Augen. Für eine Sekunde blieb er reglos stehen und fiel schließlich ebenfalls ins mittlerweile tiefrot gefärbte Gras.

Der Anführer hatte sich unterdessen aufgerappelt. Schwer atmend stand er in gebeugter Haltung, das Schild angewinkelt, den Morgenstern in hängender Position. Völlig unerwartet sprang er plötzlich ein klein wenig in die Luft und schleuderte sein Schild der Frau entegegen, die durch den Kampf mit dem Lanzenträger unbeabsichtigter Weise näher an ihn gerückt war. Zu spät und zudem völlig überrumpelt bemerkte sie den heranfliegen Schild und sackte am Kopf getroffen bewusstlos zusammen.
Der Anführer grinste zwielichtig und entblößte dabei eine Reihe schwarzer, verunstalter Zähne.
»Das Ding da ist ziemlich hübsch. Denke für die hätten wir die ein oder andere Verwendung, hähä!«, lachte er schäbig während er sich den Schritt rieb und dabei auf die Frau zeigte.
»Ihr Menschen macht mich so krank«, spuckte der Stier nur aus und sein Blick war vor Hass vollkommen verzehrt.
»Sei ehrlich, Halbmensch. Am liebsten würdest du es ihr doch auch gerne besorgen, hab ich recht? Du machst dir selbst was vor und das ist noch viel lächerlicher. Ja, die Lust, ich kann sie spüren«, grinste er.
»Schweig endlich, Abschaum«, donnerte der Stier und hob das Beil zum Angriff. »Ja, komm nur her! Ich mach dich fertig«, grölte sein Gegenüber und ließ den Morgenstern auf den Stier herabsausen. Blind vor Wut war der ohne Deckung vorgeprescht und bezahlte dies mit einem schmerzlichen Treffer in der Magengegend. Mit geknirschten Zähnen knickte der Stier ein und keuchte vor Schmerzen.

»War das schon alles, häh? Dann wird's Zeit, dass ich mir meine Beute hole.«
Mit einem letzten Aufschrei stand der Stier auf, sammelte alle Reserven und fokussierte sie auf einen einzigen Schlag. Der Anführer, der dem Stier bereits siegessicher den Rücken zugewandt hatte, war völlig überrumpelt und wollte mit seinem Schild blocken, doch die Wucht zertrümmerte es, durchdrang den Kettenpanzer und fuhr schließlich tief ins nackte Fleisch ein. Ein greller Schrei, ein gluckerndes Stöhnen und Japsen, dann war es vorbei.
Garth hatte den Kampf bis zum Ende verfolgt und ein kleines Lächeln umspielte seine Lipppen. »Wir haben's geschafft, haben's geschafft«, hustete er und verlor dann das Bewußtsein.
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#9
Und wie versprochen der erste Rückblick, der die Anfänge der Freundschaft zwischen Croix und Morcar beschreibt. Elie kommt später zur Gruppe hinzu, deshalb geht's erstmal nur um die zwei. Viel Spaß!

Irgendwo in den Marschenlanden, Jahr 4997

»Scher dich zum Teufel, Morcar. Wer mit Menschen zu tun hat, ist hier falsch.«
Morcar blinzelte seinen Dorfältesten nur verwirrt an.
»Ich sagte doch Ältester, dieser Mensch ist anders. Er hat mir geholfen und zwar aus freien Stücken.«
»Unsinn!«, fuhr er ihn an. »Menschen und wir können nicht zusammenleben, es funktioniert nicht. Wenn du bei ihm bleiben willst, wirst du von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen werden. Ich kann es einfach nicht verantworten«, murmelte er mit schüttelndem Kopf.
Ein paar Stunden später waren Croix und Morcar wieder unterwegs. »Letzterer hob gerade die Stimme: »Ich wollte dir noch mal danken, Croix. Wäre meine Schwester diesen Bastarden in die Hände gefallen ...«
Croix drehte seinen Kopf leicht zur Seite und starrte seinen neu gewonnen Begleiter neugierig an. Er hatte von Wesen gehört, halb Mensch, halb Tier. Doch seine Vorstellungen stellten diese Wesen unmenschlicher dar, als es tatsächlich der Fall war. Morcar sah aus wie eine Mischung aus Löwe und Mensch. Er schätzte ihn auf knapp zwei Meter, breite Schultern, massige Hände und dazu im Vergleich eine eher kleine Stupsnase. Morcar hatte dunkle Knopfaugen, ein leicht fliehendes Kinn, sonst aber wohl verteilte Gesichtsproportionen. Und dann war da noch das orange, wallende Haar, wohl eher als Mähne zu bezeichnen. Die Beine waren kräftiger und breiter, als die der Menschen, die Füße waren in dicke Lederstiefel eingehüllt, aber er schätzte, dass auch Morcar fünf Zehe haben dürfte.
Dieser bemerkte schließlich Croix' prüfenden Blick. »Immernoch nicht sattgesehen?«
Croix wurde leicht rot und hüstelte etwas verlegen: »Tut mir leid, anstarren ziemt sich nicht. Aber ich kann es nicht leugnen, du bist der erste Tiermensch, den ich zu Gesicht bekomme.«
Morcar lächelte nur und schlug Croix mit seiner flachen Hand auf den Rücken, worauf dieser fast den Boden küsste. »Schon gut, Knirps. Macht mir nichts aus«, lachte er unbeschwert.
Auch Croix konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, obwohl er immernoch ein bisschen wackelig auf den Beinen war. Kraft hatte Morcar, soviel stand fest. Aber er war nicht das Monster, dass Croix stets vor seinem geistigen Auge gehabt hatte. Nein, sanfter Riese, dachte er. Das passt besser.
»Wohin gehen wir eigentlich?«, fragte er grade. Morcar schielte ihn etwas bestürzt von der Seite an. »Ich dachte, dass entscheidest du?«
»Nun, ich hätte hier in der Gegend noch was zu erledigen. Nebenbei könnte ich vielleicht mehr über euch, dein Volk erfahren.«
»Willst du das denn?«
»Warum nicht? Um ehrlich zu sein, hast du mich neugierig gemacht. Wie lebt ihr? Was sind eure Vorlieben? Stärken, Schwächen, Gewohnheiten?«
»Ich glaube du bist der erste Mensch, den das überhaupt interessiert. Vor allem hier in den Marschenlanden. Prostitution, Entführung, Sklaverei. Mein Volk hat nur negative Erfahrungen mit Menschen gemacht. Keineswegs will ich das Verhalten des Ältesten entschuldigen, aber ich kann sie verstehen.«
Croix' Blick hatte etwas trauriges an sich. »Ich wünschte man könnte das ändern. Nein, nicht wünschen, das ist nicht genug. Eines Tages werde ich es ändern. Damit in naher Zukunft unsere Völker nebeneinander leben. Ja, das ist es!«, bekräftigte er seinen Entschluss und reckte die Faust zum Himmel.
Morcar schwieg nur, doch seine Gesichtszüge zeugten von Achtung und Respekt. Dinge, die er nie zuvor einem Menschen entgegengebracht hatte, was auch ein Grund war, warum Croix ihn so faszinierte. Er war so anders als alle Menschen, die er bisher kennengelernt hatte. Zugegeben, das waren nicht viele bisher und längst nicht alle waren schlecht. Aber Croix hatte etwas an sich, das den anderen fehlte. Vielleicht war es seine aufgeschlossene Art, die Offenheit und Neugierde mit der er neuen Dingen begegnete. Schweigend folgten sie dem ausgelaugten und staubigen Weg.

Jetzt war es Morcar, der seinen Nebenmann von der Seite betrachtete. Croix war einen guten, halben Kopf kleiner als er selbst. Normaler Körperbau, nicht zu breit, nicht zu schmächtig. Auffällig waren seine langen, schwarzen Haare, die weit über die Schulter reichten. Lange Haare hatte er bei Männern noch nie gesehen, zumindest nicht von solcher Länge. Und wie kräftig die Farbe war, unglaublich! Dazu kalt wirkende eisblaue Augen, die nicht so recht zu seinem freundlichen, einnehmendem Wesen zu passen schienen. Eine sehr feine Narbe zog sich auf seiner rechten Gesichtshälfte von den Augenbrauen gerade runter bis zum Ende der Nase. Soweit er das beurteilen konnte, verunstaltete sie sein Gesicht aber nicht. Merkwürdigerweise fiel sie einem beim Betrachten kaum auf, es wirkte vielmehr so, als ob sie schon immer da gewesen wäre.
Croix' Gesichtszüge waren sonst eher dezent und nicht so kantig ausgeprägt, wie bei Männern eigentlich üblich. So gesehen passte dieser Lausebubenblick, den er aufsetzte, recht gut zum Rest des Gesichts.
Auf Frauen dürfte Croix wohl eine starke Anziehungskraft ausüben, dachte Morcar schmunzelnd.
»Hast du eigentlich eine Frau, Croix?«, fragte er deshalb aufs Geratewohl.
Dieser schreckte bei der Frage merklich zusammen und schaute mit leicht rotem Gesicht zur Seite.
»Nein, ich bin nicht so gut in Beziehungen, weißt du. Außerdem bin ich oft unterwegs, eine Familie wäre da sicher hinderlich«, druckste er herum, während er offensichtlich verzweifelt versuchte, souverän zu wirken.
»Bist du etwa schüchtern im Umgang mit dem anderen Geschlecht, hm?«, bohrte Morcar weiter.
»N ... Nein, wie kommst du drauf?«
Morcars folgendes Lachen hörte sich fast wie ein Brüllen an, doch nach kurzer Zeit konnte Croix nicht anders und lachte mit.
»Idiot«, sagte er mit vorgetäuschtem Ärger und boxte Morcar leicht in die Seite. Doch dieser konnte und wollte anscheinend so schnell nicht aufhören und so trotteten sie den Weg entlang, beide mit hochrotem Gesicht. Der eine, weil er nicht aufhören konnte zu lachen, der andere, weil es ihm sichtlich peinlich war. So nahm die tiefe Freundschaft von Croix und Morcar, einem Menschen und einem Tiermenschen, ihren Anfang und in der Geschichte Eós sollte sie später für fast tausend Jahre einen einmaligen Platz einnehmen.

Edit:
Gott, ist mir das peinlich. Anstelle von Croix, war in den oberen 2/3 immer Caedmon zu lesen, habe das jetzt korrigiert. Tut mir echt leid ... facepalm.
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#10
Kommt mir ein bisschen so vor, als kommen jetzt die ganzen "Filler" :P
Das eigentliche Thema um das Ereignis bleibt nicht außen vor, im nächsten Kapitel wird es wieder eine Rolle spielen. Ich möchte erstmal näher auf die Entwicklung der Charaktere eingehen. Tjoa, hoffe es gefällt Smile


Marschenlande, Jahr 5995

Garth wachte mit einem wilden Schrei auf, wurde jedoch sofort sanft zurück ins Bett gedrängt.
»Alles in Ordnung«, sagte eine Stimme, die er als Caedmons erkannte.
»Dich hat es ordentlich erwischt, was? Gut, dass du ein zäher Brocken bist.«
»Wo sind wir hier, Caedmon?«, hustete Garth noch etwas schwächlich.
»In einem Dorf mitten in den Marschenlanden. Die Tiermenschen hatten scheinbar Verstärkung geschickt, nur kamen die erst an, als der Kampf schon vorbei war. Als ich nämlich aufgewacht bin, lag ich neben einem Baum und kurz danach sind sie dann aufgetaucht. Dieser Stier hatte gesagt, dass wir mit ihnen kommen dürfen, oder so. Scheint eine wichtige Person hier zu sein, die anderen haben anstandslos gehorcht.«
»Aber warum sollten sie uns herbringen? Ich weiß noch wie abweisend der Stier war. Hat scheinbar kein gutes Bild von uns Menschen, glaube ich.«
Caedmon richtete sich auf. »Kannst du es ihm übelnehmen? Alles was sie mit dem Begriff Mensch verbinden sind mordende, lüsterne Banden, die rumstreifen und töten, vergewaltigen und versklaven. Manchmal schäme ich mich dafür und es fällt mir jetzt schwer den Leuten hier unter die Augen zu treten.«
»Ich weiß, ich weiß«, seufzte Garth nur und ließ sich zurück ins Bett fallen. Plötzlich betrat einer der Tiermenschen den kleinen Raum, der den beiden zugeteilt worden war. Er zeigte auf Caedmon. »Mitkommen«, war alles, was er sagte.
Caedmon musste unwillkürlich schlucken, doch Garth griff sofort seine Hand. »Du schaffst das schon. Hör dir an, was immer sie zu sagen haben. Vielleicht können wir sogar irgendwie helfen.«
Caedmon nickte ihm zu. »Alles klar, ruh du dich derweil aus.«
»Mach ich und nun geh endlich, bevor du mir noch mehr auf den Geist gehst mit deiner mütterlichen Art«, sagte er lachend und hustend zugleich.

Caedmon trat hinter der Wache nach draußen und warf einen ersten Blick auf das Dorf. Schockiert musste er feststellen, in welcher Armut sie hier lebten. Die Unterkünfte waren aus Lehm, einem sehr billigen Material gebaut und die meisten waren bereits deshalb so heruntergekommen, dass die Wände teilweise schon anfingen zu bröckeln. Putz löste sich, hier und da klafften Löcher in den Wänden, die nur notdürftig repariert worden waren.
Die Wege waren nicht gepflastert, zusätzlich hatte es wohl in den letzten Tagen starken Regen gegeben. Der Boden war aufgeweicht und Matsch hatte sich gebildet, der hartnäckig überall kleben blieb. Die Unterkunft, in die Caedmon und Garth verfrachtete worden waren, lag am äußersten Rand, wie er jetzt feststellen konnte. Die Dorfmitte lag auf einer leichten Anhöhe und die Wache hielt schnurstracks drauf zu, Caedmon im Schlepptau.
Unterwegs begegneten sie nicht vielen Tiermenschen. Bei manchen konnte man in ihren Gesichtern lesen, dass sie schwere Schicksalsschläge erlitten hatten. Doch andere wiederum legten einen recht kämpferischen Blick an den Tag. Trotz der Armut hatte sich dieses Volk wohl seinen Stolz bewahrt, trotz allem eigentlich, dachte er gerade, während er sich ärgerte, in eine Matschpfütze getreten zu sein.
Die Wache hielt schließlich auf dem Platz an, bog nach rechts ab zu einem der größeren Häuser und ging davor in Stellung, wobei er Caedmon mit einem ernsten Nicken die Treppen nach oben schickte. Caedmon fügte sich dem, eine andere Wahl hätte er ohnehin nicht gehabt. Immerhin hatten sie sein und das Leben von Garth gerettet, sie waren ihnen also etwas schuldig.

Die Holztreppe war morschig und wacklig, mühsam kämpfte er sich nach oben. Diese Besonderheit war im schon auf dem Weg aufgefallen. Die Häuser waren nicht besonders breit, dafür immens in die Höhe gestreckt. »Wesentlich höher als unsere Bauten«, murmelte er, als er plörtlich erneut vor einer Wache stand. Er war für den Bruchteil einer Sekunden unentschlossen, fing sich aber sofort wieder und trat festen Schrittes durch den Vorhang ins Innere.
Es war ziemlich schummrig hier. Von irgendwo erhellte eine Lichtquelle den Raum, aber sie reichte bei weitem nicht aus. Erstmal an das Licht gewöhnen, ich kann fast nichts erkennen.
»Ah, einer der Menschen«, hörte er plötzlich eine Stimme dicht hinter seinem Rücken sagen und diesmal hatte es ihn so unerwartet getroffen, dass er sich den peinlichen, kurzen Aufschrei nicht verkneifen konnte.
Caedmon drehte sich um und starrte zu seiner Überraschung in einen bildhaft schönes, anmutiges Gesicht. Klare, weiche Wangenknochen umgeben von sinnlichen Lippen. Pulsierende, leuchtend blaue Augen, dazu eine zierliche Nase. Caedmon schluckte schwer und starrte das unversehens aufgetauchte Wesen mit offenem Mund an.
»Ich bin Tsu Lai«, eröffnete sie ihm und hielt ihm ihre feingliedrige Hand hin.
»Äh ...«
»Und du bist?«
»Äh ...«
»Äh ...?«
»Caedmon, mein ... mein Name ist Caedmon«, brachte er mühsam hervor während er seinen Mund endlich geschlossen und sich über sich selbst geärgert hatte, weil er sich wieder einmal wie ein Idiot benahm. Gleichzeitig fragte er sich wahrscheinlich zum hundertsten Mal, warum Frauen ihn immer so leicht in Verlegenheit bringen konnten.
Rasch hielt er ihr seine Hand hin, den Höfflichkeitsregeln nach viel zu spät und er errötete leicht ob des Patzers.
»Ich bin wohl noch nicht ganz wach ...«, hüstelte er nervös, um seine Fehler zu kaschieren, was sie nur mit einem koketten Lächeln beantwortete, sonst aber schwieg. Bei Akama, dieses Lächeln, dachte er hingerissen.
»Hast du unseren Gast schon willkommen geheißen, Tsu?«
Sie drehte sich um, als der Stier hereinkam, derjenige, der Garth und Caedmon aus dem Wagen der Sklavenhändler befreit hatte.
»Ja, Vater. Das habe ich. Er heißt ... äh ... Caedmon«, wobei sie ihm einen zwinkernden Blick zuwarf. Klasse, dachte Caedmon mit bemitleidenswertem Blick. Jetzt werde ich nicht mal mehr von Frauen ernstgenommen. Nicht, dass sie mich jemals ernst genommen hätten, aber ... ach was solls. Schlimmer kann es kaum werden, also reiß dich zusammen.
»Ich bin Craig, Clanführer der Brega«, sagte er und schüttelte Caedmons Hand, wobei schütteln nicht ganz richtig war, vielleicht trifft es zerquetschen besser.
»Wie geht es deinem Freund, Caedmon?«, erkundigte sich Craig mit leicht besorgter Miene, was Caedmon irgendwie überraschte, hatte er den Stier doch unfreundlicher in Erinnerung. Gleichzeitg schalt er sich selbst für diese falschen Gedanken.
»Garth schläft wahrscheinlich gerade. Er ist ziemlich erschöpft«, antwortete er deshalb.
»Das glaube ich. Aber den Schlaf hat er sich redlich verdient. Dein Freund hat gut gekämpft, einer der besten Kämpfer eurer Rasse, die ich in meinem langen Leben gesehen habe. Er hat viel Potenzial, aus ihm kann mal ein großer Krieger werden. Doch genug davon, erzähl mir, wie ihr in die Fänge der Sklavenjäger- und Händler gelangt seid.«
Caedmon folgte seiner Bitte und erzählte alles. Von Anfang an. Dass sie nur einen Ausflug machen wollten in eine kleine, bescheidene Hütte weit oben im Norden Richtung Grenze. Doch auf dem Weg wurden sie aus dem Nichts überfallen. »Wir hatten keine Chance, uns zu wehren«, beschrieb er die damalige Situation gerade. Dann seien sie erst wieder in diesem Wagen aufgewacht und erschreckender Weise mussten sie feststellen, dass zwei von ihrer Truppe nicht bei ihnen waren.
»Zwei weitere Menschen?«
»Ja, zwei Frauen. Wir Vier unternehmen recht oft etwas auch weil wir so gut miteinander auskommen. Bei dem Wort Frau fing er einen leich veränderten Blick Tsu Lais auf und war deswegen kurz irritiert, fuhr aber fort mit seiner Schilderung der Ereignisse.
»Jetzt seid ihr in den Marschenlanden und freundliche Menschen sieht man hier nicht jeden Tag«, sagte Craig, als Caedmon geendet hatte.
Dieser senkte seinen Blick. »Ich weiß. Ich schäme mich für mein Volk, das euch jagt, verkauft und tötet, euch behandelt wie Tiere oder Gegenstände. Aber in unserer Hauptstadt sind diese Probleme so weit entfernt und keiner macht sich Gedanken darüber.«
»Du meinst, wir sind euch egal?«
»Nein, nein«, fuhr Caedmon hastig fort. »Na ja, einigen vermutlich schon, was aber wahrscheinlich daran liegt, dass unsere beiden Völker und Kulturen so wie gut keinen Kontakt mehr miteinander haben.«
»Aus gutem Grund, Caedmon«, brummte Craig.
»Wir haben viele schlechte Erfahrungen gemacht mit euresgleichen. Und ehrlich gesagt bin ich selbst verwirrt, weil du und dein Freund nicht so recht in mein Bild von einem Menschen reinpassen wollt. Aber ich kann es nicht ändern, mein Misstrauen wird nicht verschwinden, nicht so schnell jedenfalls.«
»Das ... das tut mir leid.«
»Warum? Warum sollte es dich kümmern?«
»Weil es nicht gerecht ist. Niemand hat das Recht andere auf diese Art und Weise zu behandeln. Und weil ihr ein schlechtes Bild von uns habt, obwohl es genau so viele gute Menschen gibt.«
Craig lächelte schwach. »In dieser Welt Caedmon, ist nichts gerecht. Bei euch mag alles geregelt sein, doch hier in den Marschenlanden bleibt einem manchmal nicht einmal mehr das nackte Leben. Jeden Tag kämpfen wir darum, den nächsten erleben zu dürfen. Dann kommen Männer und nehmen Frau und Kind, schlachten es ab wie Vieh. Du verlierst Freunde, mit denen du dein ganzen Leben zugebracht hast in einem einzigen Moment, weil sie und nicht dich der tödliche Pfeil traf. Mit fair und gerecht hat das nichts zu tun, nicht im geringsten.«
Caedmon wußte darauf nichts zu erwidern, warum auch. Mit Anfang Zwanzig war er viel zu jung um mit diesem Tiermenschen in Sachen Erfahrung mitzuhalten. Und irgendwo stimmte es ja auch. In Calai lebten sie wie auf einer Wolke, Probleme gab es zwar, aber längst nicht so krass wie hier.
»Vater, es ist nicht nett ihn so in Verlegenheit zu bringen, er ist immerhin unser Gast. Und kein schlechter Mensch, wie du selbst gesagt hast.«
»Ich weiß, Tsu. Ich wollte ihm lediglich die Illusionen nehmen, die noch in seinem Kopf umherspuken. Als Entschädigung für mein unhöfliches Verhalten habe ich eine vielleicht äußert nützliche Information erhalten.
Caedmon wurde sofort hellhörig.
»Irgendwo nicht weit von hier besitzen die Händler und Jäger einen geheimen Unterschlupf, wo sie zwischenzeitlich Gefangene festhalten. Wir suchen das Versteck schon seit Jahren, doch gestern Nacht habe ich eine Nachricht erhalten, die die Position ziemlich genau beschreibt«, fuhr er fort.
»Es ist gut möglich, dass eure Freunde dort gefangen gehalten werden. So falsch es auch klingen mag, es ist gut, dass sie dort sind.«
»Warum?«, fragte Caedmon sichtlich irritiert.
»Das Versteck konnten wir nie genau bestimmen, aber die Bewegungen der Sklavenbande. Wir haben gute zwei Wochen, mindestens. Nur einmal im Monat lassen sie sich hier blicken. Sie kommen, gehen ins Lager, bleiben dort ein paar Wochen und sind dann wieder weg. Da wir diesen Verbrechern in letzter Zeit ordentlich auf den Zahn gefühlt haben, könnten wir sogar noch ein paar Tage rausschinden. Sie werden nicht so dämlich sein und Hals über Kopf aufbrechen, dafür wäre die Gefahr zu groß, erkannt zu werden.«
Caedmon schaute ihn an. »Also haben wir Zeit, bevor sie kommen und Jane und Lenora, so heißen die beiden nämlich, abholen?«
Craig nickte bloß.
»Wann brechen wir auf?«, rief Caedmon plötzlich.
»Wenn ihr und vor allem du bereit seid.«
»Was soll das bedeuten?«, fuhr Caedmon ihn aufgewühlt an.
»Training«, lächelte Craig kalt.
"Englisch mag die Sprache der Welt sein, aber Deutsch ist die Sprache des Herzens." -- Jawoll.
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